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- Die Zeitinsel-Saga -

Die Eherne Stadt

Sie stranden in unserer Vergangenheit und sie gehen auf Reisen

von

Uwe Kirchberg


1. Auflage - August 2013




Vorwort:

Im Jahr 2011 wurde die Region an der Mündung der Ruhr mitsamt der Stadt Duisburg, Teilen von Oberhausen, Mülheim und Krefeld aus der Gegenwart gerissen. Anhand von stellaren Verschiebungen fanden Astronomen der Universität Duisburg/Essen heraus, dass man um rd. 2.000 Jahre in die Vergangenheit gestürzt war - mitten hinein in die Zeit des römischen Reiches.

Zunächst hatte der Schock die Menschen gelähmt, doch schnell brach die typische Mentalität der Menschen von der Ruhr durch: In die Hände spucken und loslegen.
Nach anfänglichen Irritationen gelang es, sich mit den Römern zu arrangieren; im Tausch gegen Haushaltswaren und Werkzeuge aus Eisen lieferten die Römer Getreide und Gemüse.
Es gab sauberes Trinkwasser und genug zu essen. Thyssen hatte sein normales Programm heruntergefahren und produziert jetzt jede Menge Halbzeug - das meiste aus Stahl; für die Tauschgeschäfte mit den Römern viele Dinge aus Eisen. Zwei der vier Kraftwerke lieferten Strom und das Bergwerk in Walsum förderte Kohle aus dem noch unerschlossenen Unter-grund. Die Kohle war wieder zum Motor der Industrie geworden; aus ihr wurde Diesel für die LKW und Baumaschinen hergestellt und das Bayer-Werk in Uerdingen produzierte daraus Medikamente und Vitamine.

Mittlerweile war überall die Hoffnung geschwunden, dass das seltsame Zeitphänomen sich wieder auflösen und die Stadt mitsamt ihrem Umfeld in die Gegenwart zurückkehren würde. Viele Menschen hatten sich mit dem Schicksal arrangiert und nahmen die Dinge so, wie sie kamen. Sorgen machte man sich nicht, denn es gab genug zu essen und Energie war auch in ausreichender Menge da. Außerdem funktionierte die ärztliche Versorgung und um die Si-cherheit der Stadt kümmerte sich die Polizei. Da es den Menschen also wieder einigermaßen gut ging, kam schon bald der alte Drang des Menschen wieder durch, etwas Neues kennen zu lernen. Und das Neue begann ja jetzt quasi direkt vor der eigenen Haustür …


1. Kurs Rungholt


Anno Domini 34, Frühjahr:

Sie waren wieder zusammen und sie waren wieder unterwegs!

Sie, das waren: Knut Haberling, der mittlerweile 28 Jahre alte hagere Presse-Volontär und Fotograf. Knut trug seine hellblonden Haare schulterlang und meistens zu einem Zopf zu-sammengebunden.
Zweiter im Bunde war Urs Müller, der pensionierte Rettungssanitäter. Urs war 63 Jahren alt, 1,80 m groß und hatte weißgraue Haare.
Weiterhin bestand die Gruppe aus der 36jährigen Jenny Schreiber, einer blonden Sprachwissenschaftlerin der Uni Duisburg/Essen und ihrer 2 Jahre jüngeren, rothaarigen Schwester Hanna, einer Ärztin des Deutschen Entwicklungsdienstes.
Auch Urs´ jüngerer Bruder Lechti und sein Arbeitskollege Franz Helmer gehörten der Gruppe an. Die beiden groß gewachsenen und dunkelhaarigen Männer waren Anfang 40 und 1,90 m bzw. 1,92 groß. Sie waren von der Polizei zu einer namhaften Essener Sicherheitsfirma gewechselt und hatten dort als Personenschützer gearbeitet.
Last but not least gab es dann noch den Dicken Fitti, einen 62 Jahre alten Hünen mit einem prächtigen und gepflegten Zwirbelschnurrbart, der mit bürgerlichem Namen Friedhelm Kohlschreiber hieß, den alle aber nur den Dicken Fitti nannten. Der Dicke Fitti war früher Werkstattleiter und Lehrlingsausbilder bei Thyssen gewesen und galt unter seinen Freunden als genialer Bastler. Manchmal - so munkelte man - brachte Fitti sogar kleine Wunder zustande; besonders wenn es darum ging, alten Autos oder Radios neues Leben einzuhauchen.
Das Team komplettierte der Kapitän des ZENTAUER, Hilmar Hansen. Hilmar war gebürtiger Ostfriese und gelernter Seefahrer, 59 Jahre alt, 1,72 m groß und 88 Kilo schwer.

Nach ihren Abenteuern im Mittelmeer und in Judäa waren die acht Freunde im Spätsommer des Jahres 33 nach Hause zurückgekehrt.
Ihre Erzählungen und Vorträge hatten wie eine Bombe eingeschlagen! Insbesondere die sensationellen Bild- und Tonaufnahmen vom letzten Abendmahl und den letzten Tagen des Jesus von Nazareth hatten stets in einem ausverkauften Haus stattgefunden.
Dass Jesus die Kreuzigung überlebt hatte, ließ die Legende der Auferstehung weiterleben, alle weiteren Umstände und die Tatsache, dass seine Gesundung möglicherweise der Hilfe der Ärztin Hanna Schreiber zu verdanken war, waren das Geheimnis der acht Reisenden geblieben. Und dass Maria Magdalena, die eigentlich nur Maria hieß und aus dem Ort Magdala stammte, wenige Minuten vor der Abfahrt des ZENTAUER am Strand nördlich von Ashdod aufgetaucht war, hatten sie in ihren Berichten nicht erwähnt. Und dass sie Maria mitgenommen hatten, weil sie nicht von der Seite ihres Freundes weichen wollte, der in einer Kabine des ZENTAUER unter Hannas Aufsicht seiner endgültigen Genesung entgegen schritt …, auch nicht.
Noch viel weniger hatten sie jemandem erzählt, dass sie die Beiden nördlich von Tyrus mit guten Abschriften neuzeitlicher Karten an Land abgesetzt hatten, von wo sie nach Osten ziehen wollten - bis hinter die Grenzen des Römischen Reiches oder sogar noch viel weiter.
All das war das Geheimnis der acht Reisenden geblieben - ihr glückliches Geheimnis, wie Jenny Schreiber zu sagen pflegte, denn vieles, was man über den geheimnisvollen Mann aus Nazareth später gesagt und geschrieben hatte, hatten sie bestätigt gefunden.

*

Jetzt, ein halbes Jahr nach ihrer Rückkehr, hatten sie sich wieder an Bord des alten Rheinschleppers zusammengefunden. Ihr neues Ziel lag deutlich näher als das vorige. Diesmal sollte sie der ZENTAUER zur geheimnisvollen Stadt Rungholt in der Nordsee bringen, über die der weise Germane Amican erstaunliche Dinge berichtet hatte. Rungholt sollte nach Amicans Worten eine wundersame Stätte der Heilung sein. Und da dieses Attribut auch für die verschwundene Stadt Atlantis gegolten hatte, deren Schicksal nach Knut Haberlings Worten vielleicht und irgendwie mit dem Schicksal der Menschen an der Ruhrmündung verbunden war, waren sich die acht Freunde schnell einig, dass die zweite Reise des ZENTAUER zu den nordfriesischen Inseln in der Nordsee führen würde - nach Rungholt …

Der ZENTAUER war in der Meidericher Schiffswerft überholt worden und die Fachleute von Thyssen-Maschinenbau hatten insbesondere die von ihnen entwickelte Dampfmaschine einer gründlichen Wartung und Verbrauchsoptimierung unterzogen. RUDI, wie die Besatzung die Dampfmaschine liebevoll nannte, strahlte jetzt wieder wie neu und schnurrte wie eine Katze. Ansonsten hatte der 32 Meter lange und 8,10 Meter breite Rheinschlepper die 4-monatige Rückfahrt vom Heiligen Land ohne größere Macken überstanden.
Auch die Besatzung war wohlauf, wobei besonders die beiden Pärchen ihr neues Glück genossen: Hanna und Franz waren sich schon auf der Hinfahrt näher gekommnen und hatten ihre Beziehung auf der Rückfahrt allen bekannt gemacht. Das zweite Pärchen, Jenny und Knut, hatte erst nach der Rückkehr in Duisburg zueinander gefunden. Die Initiative war dabei von Knut ausgegangen, der seine Vorträge stets mit Bildunterstützung gehalten hatte und dem dabei aufgefallen war, wie oft die blonde Jenny Schreiber auf seinen Fotos und Filmen zu sehen gewesen war und wie vertraut sie miteinander umgegangen waren. Obwohl Knut eher zu den schüchternen Männern gehörte, hatte er es doch irgendwie geschafft, Jenny klarzumachen, dass er sich wünschte, dass sie auch beim nächsten Ausflug des ZENTAUER dabei sein solle: »Unsere äh …, gemeinsamen Landausflüge, äh …, waren doch …«, hatte er gestammelt und Jenny hatte ihn lachend unterbrochen: »Hinreißend, spannend und gefährlich. Klar. Aber bei weitem nicht so gefährlich, wie es ein Zusammenleben mit mir wäre. Überleg es Dir also gut.«

Knut hatte nicht lange überlegen müssen …

*

Auch diesmal erregte der ZENTAUER die Aufmerksamkeit der Römer auf der linken Flussseite und die der germanischen Beobachter auf der rechten Seite, als er fauchend den Rhein hinab fuhr und durch die dünn besiedelte niederrheinische Tiefebene und das angrenzenden südlichen Gelderland dampfte. An der Mündung des Rheins wandten sie sich diesmal nach rechts und nahmen östlichen Kurs, vorbei an den Friesischen Inseln.

zwei Tage später:

Hanna Schreiber hatte ihre langen roten Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und stand mit einem Becher Tee in der Hand an der Reling. Sie sah gedankenverloren auf das morgendliche Meer hinaus und genoss die frische Brise, die ihr half, die Müdigkeit aus den Knochen zu treiben.
»Guten Morgen, schöne Frau«, sagte Kapitän Hansen und gesellte sich zu ihr.
»Moin Käpt´n«, antwortete die junge Frau und lächelte: »Das hier ist Deine Heimat, nicht wahr, Hilmar?«
Der Kapitän nickte: »Irgendwie schon, ja.« Er zeigte nach Steuerbord und wies auf eine flache Landfläche, die beinahe vom Horizont verschluckt wurde: »Da hinten liegt Borkum, die ursprüngliche Heimat der Hansens. Heutzutage eine gefährliche Ecke.«
Knut, der ebenfalls an der Reling lehnte, hob den Kopf und sah den Käpt´n überrascht an, sagte aber nichts.
Hilmar zeigte auf das Meer vor ihnen und erklärte: »Das ganze hier nennt sich „Mare Friesicum“, das friesische Meer. Seit etwas über 100 Jahren leben die friesischen Völker im Marschgebiet der Nordsee. Zuerst haben sie nur das Land besiedelt, später auch Stellen, die zweimal am Tag von der Flut bedeckt wurden. In Nordfriesland haben sie sogar Hügel aufgeschüttet, die höher als die höchste Flut lagen, die so genannten Warften. Unser Ziel, Rungholt, ist auch aus so einer Warft entstanden.«
»Du hast Dich gut informiert, Käpt´n. Aber warum ist die Gegend heutzutage gefährlich? Etwa wegen der räuberischen Vorfahren der Hansens?« fragte der Dicke Fitti lachend und wuchtete seinen riesigen Kaffeepott auf den breiten Handlauf der Reling. Er trank einen Schluck und grinste Hanna Schreiber an, weil er schon wusste, was die Ärztin jetzt gleich sagen würde. Die tat ihm auch prompt den Gefallen: »Zu viel Kaffee ist gar nicht gut für Deinen hohen Blutdruck, Fittilein.«
Der Dicke Fitti grinste und überging den Einwand. Stattdessen wandte er sich wieder dem Kapitän zu. »Also …; wie war das jetzt mit Deinen räuberischen Vorfahren, Hilmar?«
Der Kapitän nahm erstmal selbst einen Schluck aus seinem eigenen Kaffeepott und lachte: »Räuberisch nicht, aber störrisch waren sie schon immer. Besonders die Friesen in der Provinz Friesland nordöstlich des Ijsselmeers - die späteren Holländer. Diese Friesen haben im Jahr 28 begonnen, sich gegen die Ausbeutung durch die Römer aufzulehnen. Trotz ihrer dürftigen Verhältnisse haben ihnen die Römer nämlich einen hohen Tribut auferlegt: Sie sollten für das Heer Rinderhäute liefern, die so groß waren, wie Auerochsen. Weil die Friesen aber nur kleine Rinder hatten, konnten sie nur kleine Häute liefern. Das gefiel den Römern nicht und sie drohten mit der Besetzung des Frieslands - alternativ sollten die Friesen ihre Frauen und Kinder an Tribut leisten. Das wiederum konnten die Friesen natürlich nicht akzeptieren und die ersten römischen Soldaten, die zur Erhebung des Tributes in das Friesland eindrangen, wurden von den Friesen ergriffen und ans Kreuz geschlagen.«
»Und das machen die heutzutage auch noch so?« fragte Dicke Fitti.
»Ich denke schon«, sagte der Kapitän, »aber wir sollten uns da keine Sorgen machen, denn wie Römer sehen wir ja nun nicht gerade aus. Andererseits haben wir genug Kohle, Trinkwasser und Nahrung an Bord, um einen großen Bogen um die Ostfriesischen Inseln zu machen. Wir können Rungholt direkt ansteuern.«
»Wo liegt dieses Rungholt denn nun genau?« fragte der Dicke Fitti.
Der Kapitän holte die Karte aus der Tasche, faltete sie auf und zeigte auf eine Stelle, wo im 21. Jahrhundert nur noch Wasser verzeichnet war: »Hier etwa. In Nordfriesland, zwischen Pellworm und Nordstrand. Die Insel Rungholt wurde im 14. Jahrhundert von der Flut restlos zerstört. Im 21. Jahrhundert findet man nur noch Überreste auf dem Grund des Meeres. Nur ein paar Scherben. Nichts Besonderes oder Geheimnisvolles.«
»Im Gegensatz zur heutigen Zeit, wenn man den Andeutungen des alten Germanenfürsten glauben darf«, warf Knut Haberling ein.
»Amican ist kein Fürst; ich würde sagen, er ist eher ein Heiler oder ein Druide«, antwortete Hilmar Hansen, »und er sprach von Rungholt als Stätte der Heilung, wo man früher Kranke gesund gemacht hat.«
»Deswegen sind wir ja dorthin unterwegs«, murmelte der Dicke Fitti, »denn genau diese Worte hat dieser Reiter in Marokko verwendet. Der mit dem kranken Sohn, der die Stadt suchte, wo man Kranke gesund machte.«
»Ja ja, dieses Atlantis«, sagte Knut.
Der Kapitän nickte: »Die verschwundene Stadt, die die Griechen Atlantis nannten und die u.a. auf der uralten Nordafrika-Karte in der Bibliothek von Alexandria eingezeichnet ist, von der wir ein Foto haben - dank Deiner Fotografierkünste in der Bibliothek.«
»Aber Atlantis kann doch nicht gleichzeitig in Nordafrika und in der Nordsee gelegen haben«, sagte der angehende Journalist.
»Wohl nicht, aber vielleicht und irgendwie gibt es da einen Zusammenhang, wie unser Knut zu sagen pflegt«, warf der Dicke Fitti ein.
»Weswegen wir ja jetzt auch nach Rungholt fahren«, führte der Kapitän den Satz des Hünen fort. »Unter anderem, um nachzusehen, ob es wirklich einen Zusammenhang gibt oder gegeben hat.«
»Und weil es so ziemlich die einzige Spur ist, der wir nachgehen können, wenn es um den Sturz unsere Heimat in die Vergangenheit geht«, ergänzte der junge Pressemann. »Schließlich sah die Stadt Atlantis auf der Zeichnung in der Bibliothek von Alexandria auch viel moderner aus, als die anderen Städte des ersten Jahrhunderts. Und wenn der schlanke Turm mit der langen Spitze auf der Zeichnung tatsächlich ein Minarett darstellt, wie Jenny meint …«
»… dann wäre das ein Indiz dafür, dass Atlantis auch aus der Zukunft gekommen ist, denn Minarette gab es erst 800 Jahre später«, ergänzte Jenny.
»Aber Rungholt …?« fragte Urs.
»Soll auch eine wundersame Stätte der Heilung sein, genau wie Atlantis«, hielt Knut ihm entgegen. »Mehr haben wir nicht.«

*

Während der ZENTAUER unentwegt nach Osten dampfte, verging der Tag und die Menschen an Bord erledigten die anfallenden Arbeiten. Franz Helmer löste sich mit dem Käpt´n am Steuer ab und Lechti Müller stand am Bug und beobachtete die Umgebung. Hanna, Jenny und Knut hatten an diesem Tag Küchendienst, während Urs und Fitti sich ein wenig um RU-DI kümmerten, die Dampfmaschine des ZENTAUER.

Kurz vor 19 Uhr faltete der Kapitän seine Seekarte zusammen und löste Franz Helmer am Steuer des ZENTAUER ab. Der Dicke Fitti folgte dem Kapitän in den Steuerstand des Schleppers und schaltete den Kurzwellensender ein, mit dem sie neuerdings Funkkontakt zur Heimatbasis aufnehmen konnten. Er nahm das Mikrofon in die Hand und drückte die Sende-taste: »ZENTAUER an Hafenbasis Ruhrort. Bitte melden!«
»Hallo ZENTAUER, hier Hafenbasis«, kam die Antwort aus dem Lautsprecher. »Was gibt´s, Fitti?«´
»Hallo Piet. Alles in Ordnung bei Euch? Was macht unser Maschinchen?«
»Funktioniert wie ne Eins, Fitti«, antwortete Piet Piontek von der Hafenmeisterei in Duisburg-Ruhrort. Zusammen mit dem Dicken Fitti hatte Piet das „Maschinchen“, wie sie ihren stationären Kurzwellensender genannt hatten, aus den vorhandenen Geräten der alten Hafenmeisterei zusammengebaut.
»Sonst was Neues in Duisburg?«
»Nö. Die Römer ignorieren uns, wo sie nur können, liefern aber brav Obst und Gemüse im Tausch gegen das Halbzeug von Thyssen.«
»OK, dann morgen wieder um die gleiche Zeit?« fragte der Dicke Fitti.
»Jau, morgen Abend um Sieben. Tschüss Fitti.«
»Tschüss Piet.«

*

Am Abend des nächsten Tages näherten sie sich dem Gebiet der Nordfriesischen Inseln, wo sie die Insel Rungholt vermuteten.

Die Fahrt entlang der Nordseeküste war im Wesentlichen ereignislos verlaufen, lediglich in der breiten Mündung der Elbe hatten sie in der Ferne ein paar Boote gesichtet, wahrscheinlich Fischer.
Pünktlich um 19 Uhr schaltete Fitti das Funkgerät des ZENTAUER auf Senden: »ZENTAUER an Hafenbasis Ruhrort. Bitte melden!«
»Hallo ZENTAUER, hier Hafenbasis«, kam die Antwort nach einer kurzen Verzögerung aus dem Lautsprecher. »Du kommst mit einem starken Pfeifton herein. Pfeifst Du etwa schon auf dem letzten Loch, alter Freund?«
»Ich komm Dir gleich da rüber, Du Knalltüte. Du kommst selbst mit starken Störgeräuschen hier rein.«
»Die Kurzwelle ist manchmal eine sehr launische alte Dame, Fitti. Was gibt´s Neues bei Euch?«
»Wir legen heute Abend in Pellworm an und morgen geht´s dann mit der Flut nach Rungholt rüber. Und bei Euch?«
»Nichts Besonderes, Fitti. Außer dass der Stadtrat die Miliz aufstocken will; falls die Römer noch mal angreifen sollten und die Polizisten nicht ausreichen. Die Polizeipräsidentin organisiert die Ausbildung.«
»Noch mehr Miliz? Ich weiß nicht so recht. Solche Sachen entwickeln oft ein seltsames Eigenleben - das kann man manchmal gar nicht mehr stoppen«, antwortete der Dicke Fitti mür-risch. »Bis morgen. Tschöh, Piet.«

»Tschöh Fitti. Bis morgen.«

Piet Piontek konnte nicht ahnen, dass der Funkkontakt zu seinem Freund an Bord des ZENTAUER heute zum letzten Mal zustande gekommen war ...


(Fortsetzung folgt)

Dieser Beitrag wurde 6 mal editiert, zum letzten Mal von Bully: 09.09.2013 10:26.

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2. Die Stadt im Nebel


Als die Morgenflut ihren höchsten Stand beinahe erreicht hatte, holte Franz Helmer den Anker des ZENTAUER ein und Knut Haberling half Lechti Müller beim Setzen des Segels.
Das Steuer hatte der Kapitän selbst übernommen, assistiert von Urs Müller, der die Anzeigen des Echolots ablas und die Werte leise an den Kapitän weitergab.
»Unbekanntes Terrain. Wahrscheinlich jede Menge Untiefen und dann noch diese fette Suppe«, hatte Hansen gemurmelt, als er Franz in den vorderen Ausguck beordert und Urs an das Echolot gestellte hatte. Als weitere Sicherheitsmaßnahme lief RUDI, die Dampfmaschine des ZENTAUER, im Leerlauf, um bei widrigen Strömungen schnell genug Schub für ein eventuelles Korrekturmanöver zu haben.
»Mist, dass das Radar nicht sauber läuft«, knurrte der Kapitän und versuchte, etwas in dem Nebel vor ihm zu erkennen. »Wenn die Sicht nicht bald besser wird, brechen wir ab und warten auf besseres Wetter. So´n schiet aber auch.«
»Ich hab´s gleich, Hilmar«, sagte der Dicke Fitti, der sich der Radaranlage angenommen hatte
und versuchte, sie wieder zum Laufen zu bringen. »Seit heute Morgen spinnt die Kiste. Genau wie der Kompass und das Funkgerät.«
»Funk brauchen wir nicht, aber ohne Radar haben wir bei diesem Nebel vor uns keine Chance, Rungholt zu finden. Wenn Du das Radar nicht hinkriegst, kehren wir um und warten auf Pellworm auf bessere Sicht.«
»Komisch ist nur, dass nur an der Stelle Nebel ist, wo wir die Stadt vermuten. Überall sonst ist freie Sicht«, sagte Knut leise zu dem neben ihm stehenden Lechti Müller. Der Kapitän hatte ihn trotzdem verstanden und drehte sich um, sah nach Steuerbord und dann nach Backbord. »Der Haberling hat Recht, Leute! Komische Sache.«

20 Minuten später meldete sich Franz Helmer vom Bug des ZENTAUER: »Da schaut was aus dem Nebel heraus. Komm mal nach vorne, Käpt´n.«
Hansen übergab das Steuer an Urs Müller, packte sein Fernglas und ging zum Bug. Er setzte das Glas an und sah hindurch. Dann setze der das Glas wieder ab, sah Franz fragend an und murmelte: »Keine Stadt, aber ein Turm.«
»So was in der Art, Hilmar«, antwortete der ehemalige Personenschützer. »Wegen des Nebels sehen wir nur die Spitze …«
»Ist das schiet Radar endlich wieder klar, Fitti?« rief der Kapitän nach hinten.
Fitti antwortete prompt: »Halbwegs, Käpt´n.«
»Und was zeigt es?«
»Nix!«
»Dann komm mal nach vorn und schau Dir an, was Dein Radar gerade nicht anzeigt.«
Der Dicke Fitti wuchtete seinen Körper nach vorn, nahm das Fernglas und sah hindurch: »Seltsam …,«
»Sach ich doch.«
»…. dass das Radar das nicht anzeigt. Eigentlich müsste es sogar die Nebelwand anzeigen.«

»Echolot ist tot!«
Der Ruf von Urs Müller war kaum verhallt, da wurde auch das Stampfen der Dampfmaschine unregelmäßig und die Positionslichter des Schleppers erloschen.
Fitti stürzte nach hinten, sah kurz in die Steuerkabine hinein und rief: »Verdammte Scheiße! Alle Instrumente sind ausgefallen. Irgendwas ist hier verdammt komisch. Solange wir nicht wissen, was, sollten wir schnellstens verschwinden!«
Urs nickte und stemmte sich in das Steuerrad des ZENTAUER. Gleichzeitig schob er den Kommandogeber für die Dampfmaschine auf „Volle Fahrt“, aber nichts passierte - anstatt hochzudrehen tuckerte RUDI weiterhin in seinem unruhigen Leerlauf vor sich hin.
»Die Steuerung ist elektrisch. Und damit auch ausgefallen«, rief der Dicke Fitti und stampfte zum Maschinenraum. Dort öffnete er die Wartungsplatte und griff hinein. Kurze Zeit später wurde das Stampfen der Dampfmaschine wieder gleichmäßiger und das Schiff schob sich langsam in eine enge Kurve.

Fünf Minuten später hatte der ZENTAUER seine Wende vollendet und entfernte sich mit jeder Minute weiter von der seltsamen Erscheinung. Auch die Instrumente nahmen nacheinander wieder ihre Arbeit auf.
»Wir kehren erstmal nach Pellworm zurück«, entschied der Kapitän mit Blick auf das Nebelfeld, das trotz allgemeinen Sonnenscheins immer noch die Stelle einhüllte, wo sie die Stadt Rungholt vermuteten.

*

Am Abend des Tages hatten sie sich in der Kajüte versammelt.
»Ich habe Fotos gemacht«, sagte Knut und wies auf den Bildschirm seines Laptops. »Und ein wenig bearbeitet. Schaut mal.«
Die acht Reisenden gruppierten sich vor dem Bildschirm des Laptops und folgten den Erklärungen des Fotografen. Knut erläuterte, wie er vorgegangen war: »Zuerst hab ich die Weiß- und Grauanteile herausrechnen lassen und dann alle anderen Farben verstärkt. Das ergab dann dieses Bild hier …« Er zeigte auf den Bildschirm: »Oben sieht man die Spitze des Turms und hier, als Schatten, seine Fortsetzung bis zum Boden. Sieht ein wenig aus wie eine Stele oder ein Obelisk. Am Boden erkennt man andere Schatten; flache Gebilde, vermutlich Häuser. Keine große Stadt; eher ein Dorf. Keinesfalls Atlantis.«
»Schön, aber warum fällt unsere ganze Technik aus, wenn wir uns diesem Nebelding da nähern?« fragte der Käpt´n.
»Nicht die ganze Technik, Hilmar«, grunzte der Dicke Fitti, »RUDI funktioniert.«
»OK, aber der Rest.«
»Zum Glück fällt unsere Technik nur aus und ist nicht völlig zerstört, wie bei einem echten EMP-Impuls«, murmelte Fitti. »Und bevor einer fragt: EMP nennt man eine normalerweise kurzzeitige und breitbandige elektromagnetische Strahlung, die bei der Entladung einer meist elektrostatischen Aufladung entsteht - etwa durch Gewitter oder nukleare Explosionen. Durch die Wechselwirkung der niederfrequenten elektromagnetischen Strahlungsanteile mit freien Ladungsträgern in Metallen und Halbleitern werden dort starke und schwankende Ströme induziert. In unzureichend abgeschirmten elektrischen Geräten kann dies zu Fehlfunktionen bis hin zum Totalausfall führen.«
»Woher weißt Du das, Fitti?« fragte Knut.
»Ich war mal auf Fortbildung bei den Panzerbauern und die haben die Elektrik und Elektronik ihrer Leopard-Panzer durch besondere Abschirmungen EMP-fest gemacht. Damit die auch nach Atombomben-Explosionen noch funktionieren.«
»Aber wer schmeißt in der Zeit des Römischen Reiches mit Atombomben um sich. Und dann auch noch auf Friesland? Das wäre doch wirklich Geldverschw … ööhm.« Der hagere Journalist schluckte, als er den bösen Gesichtsausdruck des Kapitäns bemerkte. »Aber Du bist doch Ostfriese, Käpt´n.«
»Zurück zum Thema, Leute«, knurrte der bärtige Seemann und ließ sich von Fitti ausgiebig alles erklären, was der über EMP und entsprechende Schutzmaßnahmen wusste.
Je länger Fitti über das Thema EMP sprach, umso deutlicher wurde es allen Reisenden, dass sie kein geeignetes Material für die „Härtung“ der elektronischen Geräte des ZENTAUER an Bord hatten. Enttäuschung machte sich breit und der Kapitän war der Erste, der es aussprach: »Das wär´s dann wohl«, murmelte er. »Wir kommen nicht an Rungholt heran. Also heißt es aufgeben und nach Hause schippern.«
»Wieso aufgeben?« fragte Jenny. »Wieso fahren wir nicht ohne unsere ganzen elektrischen Kram nach Rungholt? Fitti kann die Dampfmaschine von Hand regeln und segeln könnten wir auch.«
»Die Gefahr ist viel zu groß, mein Deern. Das hier ist das Wattenmeer und da gibt’s eine Menge Untiefen und Sandbänke. Ohne Echolot laufen wir auf und kommen vielleicht nie mehr los. Und unsere tollen Seekarten helfen uns auch nicht weiter; die sind erst in 2.000 Jahren aktuell und da ist Rungholt überhaupt nicht mehr drauf.«
»Verschwunden? So wie Atlantis?« fragte Hanna.
»Eher untergegangen. Um 1362 herum hat der blanke Hans die Stadt Rungholt geholt, mit allem, was sich dort befand«, antwortete der Kapitän.
»Der blanke Hans?« fragte Hanna. Der Kapitän lächelte und sagte: »Die Sturmflut, Deern. Wir Friesen nennen die Sturmflut den blanken Hans. Wenn einer bei einer Sturmflut ertrinkt, dann sagen wir, der blanke Hans habe ihn geholt.«
»Wenn das Echolot nicht funktioniert und die Seekarten auch nicht helfen, dann könnten wir uns doch vorsichtig an die Insel herantasten, ein Lot auf altertümliche Art auswerfen und damit die Wassertiefe messen«, schlug Urs vor.
»Ihr wollte also auf jeden Fall nach Rungholt?« fragte der Kapitän in die Runde. Alle nickten und Knut murmelte: »Notfalls mit dem Schlauchboot. Ich muss mir diesen seltsamen Turm aus der Nähe ansehen.«
Urs Müller hatte kurz nachgedacht und erhob sich dann: »Mein Vorschlag, Käpt´n, lautet: Wir fahren morgen bei Flut unter Dampf und ständiger Kontrolle der Tiefe durch das Lot so nah wie möglich an die Insel heran. Wenn´s zu flach wird oder der Nebel zu dicht, steigen Knut und ich in das Schlauchboot um und rudern an Land. Der ZENTAUER zieht sich wieder ins tiefere Wasser zurück und kommt uns wieder abholen, wenn wir uns Rungholt angesehen haben.«
»Und wie kriegen wir mit, wann Ihr mit Eurer Sightseeing-Tour fertig seid? Machen wir eine Uhrzeit aus oder nehmt Ihr die Handfunkgeräte mit, die uns die Polizei netterweise geliehen hat?«
»Die Sprechfunkgeräte dürften nicht funktionieren, Käpt´n«, warf Lechti Müller ein, »EMP und so.«
»Ach so, ja …; gut, dann machen wir eine Uhrzeit aus. Und für den Notfall gebe ich Euch eine Signalpistole mit.«

*

Am nächsten Morgen machte sich der ZENTAUER mit der Flut zum zweiten Mal auf den Weg Richtung Rungholt. Alle elektrischen und elektronischen Geräte waren ausgeschaltet. Am Bug standen die beiden Müller-Brüder und hatten dünne Seile mit den Bleigewichten in der Hand. Abwechselnd loteten sie die Tiefe in Fahrtrichtung des Schleppers aus, während der Dicke Fitti an der Wartungsklappe der Maschine stand und die Dampfmaschine auf Zuruf des Kapitäns von Hand regelte.

Nach einer halben Stunde Fahrt hatte der ZENTAUER die Nebelwand erreicht. Fitti drosselte die Maschine und das Schiff schob sich mit geringer Fahrt in den dichter werdenden Nebel hinein.
»Richtiger Nebel ist das nicht«, murmelte der Kapitän, der nach vorne zum Bug gekommen war und den Nebel mit der Hand zu fassen suchte: »Furztrocken, kein bisschen nass. Richtiger Nebel ist feucht.«
»Nebel wird lichter. Vor uns ist was; halb rechts. Auf drei Uhr«, sagte der ältere der beiden Müller-Brüder.
»Tiefe?« fragte der Kapitän.
»Vier Meter; gleich bleibend«, antwortete Lechti Müller.
»Sieht aus wie ein Steg«, rief Urs.
»Nimm noch mehr Fahrt raus, Fitti und gib laufend die Tiefe durch, Lechti. Und Du, Franz, steuere diesen Steg an«, sagte der Kapitän.
»Aye, Sir«, grinste Franz Helmer, der am Steuer stand.

Dadurch dass der Nebel bei der Annäherung an die Insel immer lichter und die Sicht entsprechend besser wurde, klappte das Anlegemanöver problemlos.
Der Kapitän ging als Erster von Bord, nahm ein Tau mit und band es an einem am Ufer aufragendem Holzpfahl fest. Lechti Müller folgte ihm mit einem anderen Tau und sicherte den Schlepper an einem Baum in Höhe des Hecks. Sein Bruder Urs, der den Anker des ZENTAUER schon bei der Anfahrt fallen gelassen hatte, zog jetzt die Ankertrosse an und sicherte das Schiff zusätzlich gegen ein Auflaufen auf die Küste.

»Niemand zu sehen«, murmelte Jenny Schreiber und gab das Fernglas an ihren Freund Knut weiter. Der Pressemann sah hindurch, schwenkte das Glas in alle Richtungen und nickte dann: »Kein Mensch da.«
»Es scheint überhaupt niemand da zu sein. Weder in den Langhäusern noch in dem halboffenen Gebäude neben dem seltsamen Obelisken. Komisch …«, sagte Franz Helmer. »Lechti und ich gehen vor und sichten die Lage. Ihr bleibt solange auf dem Schiff.«
Weil Franz Helmer den Widerspruch in den Gesichtern der anderen Mitreisenden sah, ergänzte er: »Keine Diskussionen, bitte. Wir sind für solche Aufgaben bestens ausgebildet.«

Die beiden ehemaligen Polizisten und Personenschützer gingen, vorsichtig nach allen Seiten sichernd, über den Steg an Land. Für die 200 Meter bis zu den ersten Wohnhäusern im typischen Stil altgermanischer Langhäuser brauchten sie nur wenige Minuten, da das Gelände offen war und keine Plätze für eventuelle Hinterhalte vorhanden waren.
Dann drang Franz Helmer in das erste Langhaus ein, dessen Eingangstor offen stand. Er ging kurz hinein, kam aber sofort wieder heraus und schüttelt den Kopf. Auch Lechti Müller hatte sich in eines der Langhäuser begeben und schüttelte ebenfalls des Kopf, als er wieder herauskam. Nach weiteren 20 Minuten hatten sie die restlichen Langhäuser, das halboffene Gebäude und die Umgebung abgesucht. Lechti zuckte mit den Schultern und rief: »Alles leer! Ihr könnt kommen.«

Wenige Minuten später hatten alle Mitglieder der Reisegruppe den Boden der Stadt Rungholt betreten.
Hanna Schreiber ging zu einem der Langhäuser und sah hinein: Das Haus war mindestens 20 Meter lang und sein Dach reichte fast bis zum Boden. Im Inneren wurde es von zwei Reihen innerer Stützen getragen. Die nicht tragenden Außenwände waren kaum mannshoch und bestanden aus Flechtwerk und Lehm.
Hanna betrat das Langhaus, kam aber nach kurzer Zeit wieder heraus und schüttelte ihren Kopf: » Niemand da und so, wie es aussieht, wohnt hier schon lange keiner mehr.«
Sie ging zu Knut hinüber, der aus seinen Aufzeichnungen zitierte: » Germanische Langhäuser gab es sogar noch im späten Mittelalter. In diesen Häusern haben immer mehrere Familien zusammen gelebt.. Meistens gruppierten sich die Langhäuser um das hier …«, er drehte sich herum und zeigte auf den Platz, den die Häuser kreisförmig umschlossen. »Das dürfte der Gerichtsmarkt sein. Hier fanden die Märkte statt und einmal im Monat tagte hier das Gericht. So steht es zumindest in den Annalen anderer friesischer Siedlungen, die mit Rungholt vergleichbar sind.«
»Aber wo sind die ganzen Menschen hin und was ist mit der sagenhaften Stätte der Heilung, von der dieser Amican sprach?« fragte der Dicke Fitti. »Sind wir schon wieder zu spät dran?«
»Ich weiß es auch nicht, Fitti«, antwortete Knut. »Das halboffene Gebäude dahinten, das dürfte das Tagungshaus des Gerichts sein und dieser Obelisk …; keine Ahnung. Vielleicht handelt es sich um die Beute eines Raubs in Ägypten - einige Angehörige der Germanenvölker haben schließlich Dienst in der römischen Legion geleistet. So manch eine Gruppe könnte die ein oder andere Erinnerung mit nach Hause gebracht haben.«
»Nicht Obelisk, Pressemann! Dieses Ding nennt man eine Stele; Obelisken verjüngen sich nach oben hin, eine Stele nicht«, erklärte der Dicke Fitti. »Aber als Kriegsbeute …? Glaube ich nicht! Zu groß und wahrscheinlich auch viel zu schwer. Auch das Material ist seltsam.« Er ließ seine Hand über das Material gleiten: »Scheint kein Granit oder Marmor zu sein. Sandstein auch nicht. Verdammt seltsam …«
»Um die Stele können wir uns nachher noch kümmern«, sagte der Kapitän. »Habt Ihr irgendwelche Hinweise gefunden, woher dieser Nebel kommt und warum unsere elektrischen Geräte hier nicht funktionieren?« Der Dicke Fitti schüttelte den Kopf und auch die anderen Reisenden zuckten mit den Schultern.
»Dann sollten wir uns vielleicht einmal die nähere Umgebung ansehen«, schlug der Kapitän vor. »Ich schlage vor, wir machen das in Zweiergruppen. Hanna und Franz, Ihr geht nach Norden. Jenny und Knut, Ihr nehmt Euch den Osten vor. Fitti und ich werden uns den Süden ansehen.«
»Und was ist mit Lechti und mir?« fragte Urs.
»Du und Dein Bruder, Ihr solltet beim Schiff bleiben. Als Wache.«
Die beiden nickten. Der Kapitän fuhr fort: »Wir treffen uns hier um spätestens Punkt 12 Uhr wieder. Uhrzeitvergleich: Jetzt ist es genau 9:40 Uhr.«
Die Teilnehmer der Expedition sahen auf ihre mechanischen Uhren. Einige korrigierten die Einstellungen und nickten dann: »Alles klar.«

Zehn Minuten später machten sich die Zweiergruppen auf den Weg. Hanna Schreiber ging mit Franz Helmer am Ufer entlang nach Norden, ihre Schwester Jenny ging mit Knut Haberling in den dicht bewaldeten Osten der Insel und der Dicke Fitti stapfte hinter dem Kapitän her, der seine Schritte nach Süden gelenkt hatte.
Als sie sich weit genug von den anderen entfernt waren, fragte der Kapitän: »Was ist mit der Stele, Fitti? Ich hab gesehen, wie Du zusammengezuckt bist, als Du sie berührt hast.«
Der Dicke Fitti sah hoch: »Ich bin mir nicht sicher, aber irgendwas ist hier verdammt faul.«
»Das Gefühl habe ich auch, Fitti. Aber was?«
»Diese Stele, Hilmar. Ich wette meinen goldenen Schraubendreher darauf, dass die Stele aus Metall ist. Aber keine Bronze oder so. Das ist ein viel hochwertigeres Material; etwas, was es hier eigentlich nicht geben dürfte. So was wie veredeltes Eisen, aber kein Stahl …«


(Fortsetzung folgt)
16.09.2013 09:57 Bully ist offline E-Mail an Bully senden Homepage von Bully Beiträge von Bully suchen Nehmen Sie Bully in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie Bully in Ihre Kontaktliste ein
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3. Die Stele von Rungholt



Gerichtsmarkt von Rungholt, 12 Uhr:

Pünktlich um 12 Uhr waren die drei Gruppen wieder auf dem Gerichtsmarkt von Rungholt zurückgekehrt. Sie wurden dort von Urs und Lechti Müller erwartet, die vom Schiff herüber gekommen waren und über keinerlei besondere Vorkommnisse zu berichten hatten.
»Bei uns auch nicht«, sagte Hanna und auch ihre Schwester Jenny schüttelte den Kopf.
»Auch bei uns war tote Hose, total«, sagte der Dicke Fitti. »Und keine Spur einer wundersamen Stätte der Heilung.«

»Seltsam ist es doch«, begann Jenny Schreiber. »Die vielen Häuser; leer und augenscheinlich seit langer Zeit unbewohnt. Dabei ist der Friedhof, an dem wir vorbei gekommen sind, voller Grabhügel - was eigentlich für eine hohe Einwohnerzahl spricht. Genau wie die Zahl der Langhäuser.«
»Ich stimme Jenny zu und schätze, dass Rungholt um die 2.000 Einwohner gehabt haben muss«, ergänzte Knut das Gesagte. »Aber wir haben nirgendwo Menschen getroffen.«
»Wir auch nicht«, sagte Hanna und auch der Kapitän schüttelte den Kopf: »Auch im Süden gab es keine Hinweise auf Bewohner oder deren Verbleib.«
»Hier ist so einiges seltsam. Der komische Nebel, der Ausfall unserer Technik und dann dieses Ding hier«, knurrte der Dicke Fitti und trat an die Stele, die im Licht der Mittagssonne sanft glänzte. Er klopfte dagegen. »Verdammt seltsam! Ist mir heute Morgen schon aufgefallen. Seht her …« Er zog sein Multiwerkzeug aus der Weste, klappte das Messer heraus und kratzte mit der Klinge über das blassgraue Material. »Kein Kratzer! Und das bei bestem Schweizer Stahl. Eigentlich unmöglich. So ein Metall ist mir noch nie untergekommen. So etwas gibt´s in unserer Zeit nicht.« Er griff erneut in seine Tasche und förderte ein weiteres Multi-Werkzeug zutage. Er klappte eines der Werkzeuge heraus und zog damit einen langen Strich über das Material der Stele. Fitti sah genau hin und schüttelte dann den Kopf: »Das war jetzt ein Diamant-Glasschneider. Der müsste wenigstens einen Kratzer hinterlassen. Hat er aber nicht. Das Ganze ist mir ein Rätsel.«
Hanna, die jetzt auch an die Stele herangetreten war, musterte die Stele und sagte: »Wenn man genau hinsieht, steht hier etwas. Sieht aus wie Zeichen oder Buchstaben. Das hier könnte ein „w“ sein, hier eine Form des „a“.«
Die rothaarige Frau strich mit den Fingern über die Vertiefungen und Ausprägungen, die etwa in Brusthöhe auf der Oberseite der Stele angebracht waren. »Manche Zeichen sind mir fremd, aber andere …«
»Wenn das hier kein senkrecht gespiegeltes „C“ ist, sondern ein großes „I“ und das Zeichen darunter ein „f“, dann hätten wir „If“«, sagte ihre Schwester Jenny leise. »Und wenn ich weiter runter gehe, dann kommen „y“ und „u“. Und danach wieder eine leere Stelle. Weiter nach unten geht es nicht, da kommt der Boden. „If yu …“«
»Hier oben sind auch noch Zeichen, meine Liebe«, sagte Franz Helmer und zeigte auf Markierungen oberhalb seines Kopfes. »So etwas wie ein „a“ und darunter ein „b“. Daneben so ein Mittelding zwischen einem „y“ und einem „j“ sowie ein verkrüppeltes „t“.«
Jenny trat etwas zurück, damit sie das Ganze besser übersehen konnte, zog ein Blatt aus ihrer Tasche und machte sich Notizen. Dann trat sie wieder an die Stele heran, reckte sich hoch und versank dann wieder in ihre Notizen.
Nach einigen Minuten hob sie den Kopf und sah ihre Freunde ziemlich entgeistert an: »Ich kann es Euch nicht erklären, aber das scheint eine Sprache zu sein, die sich erst in mehr als fünfhundert bis tausend Jahren aus dem Germanischen entwickeln wird. Das ist Englisch …«

*

Fast zur gleichen Zeit setzte sich Piet Piontek an seinen Sender in der Ruhrorter Hafenmeisterei und wählte die Frequenz des ZENTAUER:

»ZENTAUER …, bitte melden! ZENTAUER …, bitte melden! Hier ist Piet Piontek von der Hafenmeisterei in Ruhrort. Passt mal auf, Leute! Der alte Germane war heute noch mal da, dieser Amican. Es gibt was Neues bezüglich der seltsamen Stadt auf Rungholt. Amican sagt, er habe gehört, die Stätte der Heilung auf Rungholt sei verschwunden. Nur noch eine Stele würde dort stehen. Amican warnt davor, sich dieser Stele zu näheren. Er sagte, er habe gehört, dass dort Leute verschwunden wären. Passt also auf Euch auf, Leute! ZENTAUER …, bitte melden! ZENTAUER …?«

Doch für die Besatzung des ZENTAUER kam die Warnung zu spät.

*

»Was steht denn da genau, Jenny. Kannst Du das schon sagen«, wollte Knut von seiner Freundin wissen, der als erster die Überraschung überwunden hatte. Jenny sah auf ihre Notizen und sagte: »Von oben nach unten gelesen und mit ein wenig Phantasie lese ich da: If yu a behind yur time press, also: Falls Du Dich verspätetet hast, presse … oder vielleicht Presse.«

Leider hatte der Flugsand den unteren Teil der Stele bedeckt und das hatte zwei Dinge zur Folge: Zu einem blieb der restliche Text verborgen, den ein unbekannte Verfasser für verspätet eintreffenden Nachzügler auf der ehernen Stele hinterlassen hatte und der, von oben nach unten gelesen, im vollen Wortlaut in etwa so lautete:

Falls Sie sich verspätet haben, drücken Sie den Knopf vier Mal innerhalb einer (unbekannte Zeiteinheit) …,

zum anderen hatte sich Urs Müller zufällig an die Stele gelehnt und den fraglichen Knopf - der ohne den Flugsand über Kopfhöhe gewesen wäre - dabei mehrfach versehentlich mit der Schulter gedrückt. Und das hatte zur Folge, dass die kompakten, aber mächtigen Maschinen im Fundament der Stele leise surrend mit ihrer Arbeit begannen.
Das Feld um die Stadt Rungholt, das die acht Reisenden bei ihrer Ankunft für Nebel gehalten hatten, zog sich jetzt langsam, aber stetig zusammen und wurde dabei immer dichter, bis es zum Schluss nur noch den freien Platz um die Stele umfasste. Und ehe die acht Menschen an der Stele begriffen, was passierte, begannen die Dimensions-Perforatoren im Fundament der Stele mit ihrer Arbeit …


4. Isolation im Nirgendwo



Bericht Jenny Schreiber:

Was passiert da? Was ist mit meinen Augen? Warum ist es so hell? Hey, das Weiße blendet ganz schön …, das tut weh! Hört auf damit! Sofort! Und sagt mir, wo dieser komische Nebel geblieben ist, der uns gerade noch so dicht auf die Pelle gerückt ist? Als wir an dieser Stele standen …, auf Rungholt.
Ganz schnell ging das. Schwupps und weg ...; weg? Sind wir jetzt auch …, bin ich …, jetzt woanders?

Wo ist die Stele, wo sind die leeren Germanenhäuser …; und verdammt noch mal, wo sind meine Freunde?

Und was ist das dahinten? Das Dunkle, Dicke? Ist das …? Fitti?
Ja das muss Fitti sein, denn er hat Mühe auf die Beine zu kommen. Typisch Fitti. Zu schwer, der Kerl. Aber wieso kann der sich bewegen und ich nicht?
Jetzt kramt er in seinen Taschen herum. Sucht etwas. Wahrscheinlich sein Multifunktionswerkzeug. Fitti kann damit zaubern. Wie dieser Fernsehstar, dem man nachsagt, er könne mit einer Büroklammer und einem alten Kaugummi eine Bombe bauen. Was dieser McGeier angeblich kann, kann Fitti schon lange. Der Kerl war Ausbilder bei Thyssen. So was wie ein Spieß beim Bund oder schlimmer.
Anscheinend hat Fitti irgendwas gefunden und fängt an, rumzufummeln. Jetzt wird er wütend und tritt gegen irgendwas. Typisch Choleriker - den Blutdruck möchte ich haben. Aber nur morgens.

*

Der Beobachter:

Es sind acht Individuen, aber niemand von uns. Keine Nachzügler, sondern anscheinend Menschen aus der Zeit, in der die Stadt sich vorher aufgehalten hat - also bevor sie ins Hier und Jetzt wechselte. Die Acht leiden noch an den Nachwirkungen der Reise durch die Nachbardimension. Das wird noch dauern. Auch mir macht dieser verdammte Nebel immer wieder zu schaffen.Von der Kleidung her sind es Menschen aus dem ersten Jahrhundert. Möglicherweise Bewohner von Rungholt oder von den anderen Inseln? Jedenfalls sind es keine von uns und damit ist klar, dass sie aus hygienischen Gründen isoliert bleiben. Schlimm für sie. Seltsam, dass es ihnen gelungen ist, den Transporter in Betrieb zu nehmen; es ist wohl besser, wenn der Wissenschaftliche Rat die Stele endlich zurückholt. Es kommen ja doch keine Nachzügler mehr; nur noch Ureinwohner und die können wir hier nicht brauchen …

Der Mann in der weißgrauen Uniform wandte den Blick von den Projektionen und erhob sich. Er ging zu den Verpflegungsautomaten und erstellte das Speiseprogramm für die Menschen in dem Isolationsraum. Außerdem gab er die Türen zu den Sanitären Anlagen und den Schlafkabinen frei. Dann warf er noch einen Blick auf die Menschen, die noch immer bewusstlos zu sein schienen, wandte sich ab und verließ die Kontrollstation. Morgen oder übermorgen würde er erneut nach ihnen sehen. Oder nächste Woche …

*


Bericht Jenny Schreiber:

Wenn ich mich bewegen könnte, würde ich versuchen, Fitti helfen, aber ich schaffe es noch nicht einmal, meine Finger zu bewegen. Verdammt! Links neben mir liegt Lechti Müller. Ein Baum von einem Kerl und durchtrainiert bis in die Haarspitzen, aber so wie ich das sehe, geht es ihm jetzt nicht besser als mir.
Aber der Dicke Fitti ist schon auf den Beinen. Noch ein bisschen wackelig; das beruhigt mich ein wenig. Jetzt hat er wohl eine Tür gefunden. Er macht sie auf und tritt in den Raum dahinter. Jetzt kommt er wieder raus und flucht irgendwas. Hört sich an wie „Scheißhaus“ …
Jetzt geht er zur nächsten Tür und reißt sie auf. Schaut hinein und schüttelt den Kopf. Jetzt taumelt der Kerl auf mich zu, schaut mich an und fragt: »Noch jemand wach?«
Ich würde ja gerne antworten, aber meine Stimme ist weg. Nichtmal Krächzen geht. Ich versuch´s mit Augenrollen, aber Fitti schaut nicht mehr in meine Richtung. Stattdessen geht er zu Lechti und fragt ihn ebenfalls, ob er schon wach wäre. Lechti antwortet nicht. Fitti zuckt mit den Schultern und versucht´s wohl bei jemandem, der hinter mir liegt. Keine Ahnung, wer - kann mich ja nicht umdrehen.

»Falls mich jemand hören kann. Keine Ahnung, wo wir hier sind, aber dahinten sind Toiletten und ein Schlafraum. Aber kein Ausgang. Scheint, dass wir hier drin gefangen sind.«

Ich will was sagen, aber mehr als ein leises Krächzen kommt nicht heraus. Trotzdem ist Fitti sofort bei mir und schaut mich an: »Bist Du wach, Jenny?«
Ich versuch zu nicken. Klappt nicht. Stattdessen rolle ich mit den Augen. »Also ja«, knurrt Fitti. »Kannst Dich aber nicht bewegen?«
Ich rolle ein „Nein“. Fitti nickt und murmelt: »War bei mir anfangs auch so. Geht aber vorbei. Versuch, die Zehen zu spreizen und die Finger. Dann geht es schneller.«
Ich rolle ein „Ja“ und tue, was er sagt. Tatsächlich fange ich an, meine Zehen zu spüren und ich kann sie sogar ein wenig bewegen. Kribbelt alles. Nach einer geschätzten Ewigkeit ist das Gefühl in meinen Beinen wieder da. Ich versuche aufzustehen. Vergeblich. Jetzt hat Fitti irgendwo einen Hocker aufgetrieben und hilft mir, mich hinzusetzen. Dann schaut er mir in die Augen und brummt: »Deine Arme? Deine Stimme?«
»Krrrz ..cchchc.«
»Das wird schon wieder, Jenny. Ich seh mal nach den anderen.«
Da ich jetzt auf dem Hocker sitze, kann ich den Raum besser übersehen. Alle sind da. Keiner fehlt. Das ist gut!
Fitti geht jetzt zu den Anderen, die alle noch auf dem Boden liegen. Anscheinend sind alle wach, können sich aber noch nicht bewegen. Sie müssen Geduld haben.
Fitti geht jetzt in den Raum, den er als Schlafraum bezeichnet hat und kommt mit einem Haufen Hocker wieder raus, die alle so aussehen, wie der, auf dem ich sitze. Er nimmt sich selbst einen und stellt die anderen in die Mitte. »Ich weiß auch nicht, wie wir hierhin gekommen sind, aber ich vermute, dass unsere „Reise“ auf irgendeine Weise mit der verdammten Stele von Rungholt zu tun hatte.«

»Krrzz ..chchch …«
»Ah, unser Käpt´n ist auch wieder zurück unter den Lebenden und muss natürlich gleich wieder widersprechen. Was glaubst Du denn, was passiert ist, lieber Hilmar? Sind wir vielleicht betäubt worden und von irgendwelchen germanischen Helferlein hierhin gebracht worden? Kann schon sein, Hilmar, aber dann wären wir noch im ersten Jahrhundert und unsere germanischen Freunde hätten zu dieser Zeit schon Tiefspülklosetts und Duschen besessen. So was findest Du nämlich da hinten in den Waschräumen. Und die Liegen in den Schlafräumen sehen verdammt nach Plastik aus.«
»Duisb..rzz .chchc?«
»Duisburg? Nein! Ganz sicher nicht. Die Germanen hätten Monate gebraucht, uns mit Pferd und Wagen von Nordfriesland bis an die Ruhrmündung zu bringen. Und selbst wenn man es irgendwie geschafft hätte, uns die ganze Zeit schlafend zu halten, dann wären wir zwischenzeitlich verhungert. Oder 50 Kilo leichter - bei künstlicher Ernährung. Aber künstliche Ernährung im ersten Jahrhundert … ? Nee, Käpt´n. Wir sind weder bei den Germanen noch zurück in Duisburg. Wir sind ganz woanders …«

*


Der Beobachter:

Aus dem Gefühl heraus, etwas vergessen zu haben - ohne letztlich genau zu wissen, was es war, was er vergessen hatte - war der Beobachter noch einmal in die Isolierstation zurückgekehrt und beobachtete mit Interesse, dass sich die acht Menschen überraschend schnell von den Belastungen der für sie ungewohnten Reise durch die Dimensionen zu erholen schienen. Er aktivierte die Sprach- und Bildaufzeichnungsgeräte der Station und programmierte den mitlaufenden Sprachübersetzer auf das im ersten Jahrhundert gebräuchliche Germanisch. Doch anstatt das Gerät die aktuellen Worte des unförmigen Riesen synchron übersetzte, gab es nur ein grausiges Kauderwelsch von sich. Der Beobachter zuckte mit den Schultern und änderte die Einstellung des Translators auf Latein …; wieder ohne Erfolg. »Dann eben nicht«, murmelte er und verließ die Station. Irgendwann würde er sich mit den acht Menschen unterhalten können, aber das eilte nicht. Schließlich hatte man ja genug Zeit.

*


Isolationsstation, 2. Tag

Der Kapitän stampfte durch den Aufenthaltsraum wie ein alter Dampfer bei Windstärke 8: Mit vorgebeugtem Oberkörper und hinter dem Rücken verschränkten Armen tigerte er hin und her und war ständig irgendwas am Grummeln, was sich nach friesischen Flüchen der besonders fiesen Art anhörte. Auch den anderen Reisenden ging die Untätigkeit auf die Nerven und die Langeweile legte sich wie ein Teppich aus schlechter Stimmung über die Gemüter der acht Freunde; man schlug die Zeit tot.
Urs Müller schien irgendein Spiel mit seinem Bruder Lechti zu spielen, Knut saß schweigend mit Jenny zusammen, Hanna und Franz hatten sich in den Schlafraum zurückgezogen und der Dicke Fitti schien irgendwelche Basteleien an den Armaturen der Sanitätsräume vorzunehmen. So hörte es sich wenigstens an.

Als der leise Gong die Ankunft der Abendmahlzeit ankündigte und die Klappe sich öffnete, traten alle Reisenden nacheinander an die Theke, wo ein einfaches Mahl auf sie wartete.

*


Isolationsstation, 3. Tag

Der Kapitän hatte seine Wanderung nach dem Frühstück wieder aufgenommen und auch den anderen Reisenden ging das Eingesperrtsein immer mehr auf die Nerven. Insbesondere die Laune des Dicken Fitti war mittlerweile auf einem gefährlichen Tiefpunkt angelangt: »Wir wissen nicht, wo wir sind und wir haben auch keine Ahnung, was wir hier sollen. OK, das Essen ist genießbar und die Liegen sind recht bequem, aber wenn ich hier nicht bald rauskomme, drehe ich durch.«
»Hast Du klaustrophobische Anfälle, Friedhelm?« fragte Hanna besorgt, doch der Dicke Fitti winkte beschwichtigend ab: »Wird schon gehen. Ich bin nur genervt.«
»Das sind wir alle, sagte Hanna und zeigte auf den hin und her tigernden Kapitän, »besonders Hilmar.«
»Ich vermute, dass irgendwer uns beobachtet«, versuchte Knut abzulenken und zeigte auf die Decke. »Das da könnten Objektive sein.«
»Gut möglich. Irgendwer ist da draußen. Schließlich liefert uns dieser Jemand regelmäßig etwas zu essen. Dreimal am Tag«, knurrte der Dickte Fitti. »Und ich hätte große Lust, diesem Jemand mal gehörig auf die Finger zu klopfen! Es nervt langsam! Ich will hier raus!«

*


Isolationsstation, 4. Tag

»Was machst Du da?« fragte Urs Müller den Dicken Fitti, als er den Sanitätsraum betrat, wo Fitti gerade dabei war, eine der Toiletten zu demontieren. »Nicht dass das Ärger gibt. Wir werden ja wohl beobachtet.«
»Anständige Menschen installieren keine Kameras in Toilettenräumen und hoffe im Interesse unserer Gastgeber, dass sie anständige Menschen sind«, knurrte Fitti. »Außerdem habe ich hier jeden Zentimeter abgesucht. Keine Kameras.«
»Und was machst Du da?« fragte Urs zum zweiten Mal.
»Ich suche einen Ausgang, Urs. Im großen Raum sind nirgendwo Türen und in den Schlafräumen auch nicht. Aber es muss sie geben, denn irgendwie müssen die Unbekannten ja die Liegen und Hocker hier hinein gebracht haben.«



(Fortsetzung folgt)

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23.09.2013 08:42 Bully ist offline E-Mail an Bully senden Homepage von Bully Beiträge von Bully suchen Nehmen Sie Bully in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie Bully in Ihre Kontaktliste ein
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Das Rätsel um den Sturz der Stadt Duisburg in die Vergangenheit wird gelöst, aber die Schwierigkeiten beginnen jetzt erst ...


5. Wir hätten da mal ein paar Fragen …


Eine Woche nach seinem letzten Besuch kehrt der Beobachter routinemäßig in den Überwachungsraum der Isolierstation zurück. Er überprüfte die Protokolle des Verpflegungsautomaten und gab das Ernährungsprogramm für die nächsten beiden Wochen ein. Dann sah er kurz auf die aktuelle Live-Projektion aus dem Isoliersaal, wandte sich aber wieder ab, als er sah, dass die Lichtsimulation die Helligkeit stark heruntergefahren hatte und die Bewohner anscheinend schlafen gegangen waren.
»Dann lassen wir unsere lieben Urahnen noch ein wenig ruhen«, lächelte der Beobachter, »und schauen uns an, was sie in den letzten Tagen so getrieben haben.«

Schon nach kurzer Durchsicht der Aufzeichnungen war für den Beobachter klar, dass die Acht ein eingespieltes Team waren. Sie saßen häufig in kleinen Grüppchen zusammen, diskutierten viel und gingen angesichts ihrer kulturellen Unreife doch recht zivilisiert miteinander um. Besonders der Dicke hatte es dem Beobachter angetan …

Komischer Kerl. Und seine Sprache kommt mir ein wenig bekannt vor. So, als hätte ich sie in letzter Zeit schon mal gehört. Aber wo? Es muss innerhalb der Stadt gewesen sein, denn ich bin ja nie draußen gewesen. Mal nachdenken. Ich glaube einer der Wissenschaftlichen Räte spricht diese Sprache, wenn er mit seiner Frau kommuniziert? Aber was für eine Sprache ist das?

Der Beobachter rief die persönlichen Daten der Wissenschaftlichen Räte ab und ließ sie sich auf den Monitor des Überwachungsraums projizieren. Er musterte die Angaben zu den einzelnen wissenschaftlichen Spitzenkräften bis er auf den Namen „Heilander Huk“ stieß. Er stoppte den Durchlauf und las: Heilander Huk, geboren in Threewalde, aufgewachsen in Northern Dorthmound, City of Ruhr …“
»Schau an …«, murmelte der Beobachter und programmierte den Translator neu. Er erweiterte den Suchlauf auf die Sprache Deutsch und ließ die Analyse laufen. Minuten später erschien der Vermerk Altdeutsch, 19.- 22. Jahrhundert auf dem Display des Gerätes.

Von da an verstand der Beobachter alles, was im Isolationssaal gesprochen wurde …

*

Der Wissenschaftliche Rat und Nobelpreisträger für dimensionsübergreifende Physik Heilander Huk legte seinen Umhang ab und nahm dankend auf dem Hocker platz, den der Beobachter ihm hingeschoben hatte. Dann verfolgte er die 3D-Übertragung aus dem Isolationssaal und zog überrascht seine Augenbrauen hoch, als er feststellte, dass sich die Menschen auf Deutsch, der Sprache seiner Jugend, unterhielten.

Nach einer Weile nickte Huk dem Beobachter zu: »Ja, es war richtig, dass Du mich sofort informiert hast, Bellengar. Diese Menschen können unmöglich aus der Epoche stammen, in der sich die Eherne Stadt in Nordfriesland aufhielt. Wahrscheinlich stammen diese Menschen aus der frühen Neuzeit; also 19. bis 22. Jahrhundert. Dafür spricht auch ihr unbefangener Umgang mit den Geräten und Einrichtungsgegenständen der Isolierstation.«
»Umso verwunderlicher ist es, verehrter Heilander, dass die Analyse des Transportvorgangs keinen Zweifel daran gelassen hat, dass die acht Menschen mit Hilfe der Stele aus dem ersten Jahrhundert nach hier transportiert wurden.«
Der Wissenschaftliche Rat nickte: »Somit bliebe zu klären, wie diese Menschen aus der Zeit zwischen dem 19. und 22. Jahrhundert in das 1. Jahrhundert gelangen konnten. Eine Zeitreise muss ich ausschließen, denn diese Möglichkeit wurde erst im 26. Jahrhundert entdeckt.«
»Was käme sonst infrage, verehrter Heilander?« fragte der Beobachter neugierig.
»Ich weiß es nicht, Bellengar. Ich werde mich mit meinen Kollegen beraten müssen.«
»Und die Stele?« hakte der Beobachter nach.
»Ihren Vorschlag, die Stele unverzüglich zurückzuholen, werden wir heute Abend ebenfalls im Wissenschaftlichen Rat erörtern. Ich gehe davon aus, dass wir das Technische Team noch heute beauftragen werden, die Stele zurückzuziehen.«
»Das beruhigt mich. Ich danke Dir, verehrter Heilander.«
»Ich danke Dir, Bellengar und ich werde mich jetzt zurückziehen.«
»Damit würde ich noch ein wenig warten«, erklang plötzlich eine dunkle Stimme hinter ihnen, »wir hätten da nämlich noch ein paar Fragen ...«

Die beiden Männer drehten sich erschrocken um und musterten den dunkel gekleideten Riesen mit dem schweren Wasserrohr in der Hand, der von zwei ebenfall großen, durchtrainierten und sehr grimmig blickenden Menschen flankiert wurde.

*

Als sich plötzlich an einer Stelle, wo zuvor eine glatte Wand gewesen war, eine Türe öffnete, war das der erste Teil der Überraschung für die Bewohner der Isolierstation.
Dass zwei unbekannten Männern in langen weißen Umhängen hindurch traten, erhöhte die Aufmerksamkeit von Kapitän Hansen und seinen Freunden noch mehr. Als dann aber der Dicke Fitti und seine beiden „Bodyguards“ auch noch durch die Tür traten, war die Überraschung perfekt.
Der Dicke Fitti, der sein Metallrohr noch immer in der Hand hielt, stellte die beiden Männer vor: »Das sind Heilander Huk und Hupert Andersloh«, sagte er, »sie haben zugesagt, uns einiges zu erklären.«
Die beiden Männer legten ihre weißen Umhänge ab und setzten sich auf die Hocker. Fitti und die beiden ehemaligen Personenschützer blieben stehen.

Der Mann, den Fitti als Heilander Huk vorgestellt hatte, begann: »Mein Name ist Heilander Huk. Ich wurde im Jahre 2649 geboren und bin Wissenschaftlicher Rat und Nobelpreisträger für dimensionsübergreifende Physik. Da ich der Ruhrstadt aufgewachsen bin, spreche ich Ihre Sprache. Dies alles hier …«, er machte eine ausgreifende, alles umfassende Armbewegung, »ist ein Teil der Ehernen Stadt. Die Stadt besteht aus zusammenhängenden und druckdichten Kuppeln mit einem Durchmesser von mehreren …, wie sagen Sie doch gleich …, Kilometern. Die Kuppeln bestehen aus einer molekularverdichteten Eisenverbindung - daher der Name Eherne Stadt. Spezielle Glas- und Kunststoffbeimengungen sorgen dafür, dass die Kuppeln im Licht der Sonne grau-grün schimmern. Die Stadt stammt aus dem 27. Jahrhundert und sie wurde ausgesandt, um das Aussterben der Menschheit zu verhindern.«

»Das Aussterben der Menschheit? Geht das nicht auch eine Nummer kleiner?« knurrte Fitti.
Hupert Andersloh, der sich als Wissenschaftlicher Rat für Biologie vorgestellt hatte und aus dem österreichischen Teil Europas stammte, schüttelte den Kopf: »Nein. Es geht tatsächlich um das Überleben unserer Rasse. Ich will das gerne erklären, muss aber ein wenig ausholen: Im Jahre 2620 bemerkte der Arzt und Molekularbiologe Arison Dörk in seinem Labor in Hammerfest zum ersten Mal, dass das von ihm schon oft angewandte medizinische Verfahren zur künstlichen Befruchtung von Frauen mit Kinderwunsch nicht mehr zum Erfolg führte. Dörk wandte sich daraufhin an verschiedene Kollegen in anderen Provinzen und auch sie berichteten von ähnlichen Fällen.
Auf einem Kongress in Stockholm-City hörte Dörk dann zum ersten Mal von dem unerklärlichen Geburtenrückgang im Norden der Provinzen Norway und Finnlande. Eigentlich, so soll ihm ein Kollege damals zugeraunt haben, wäre es ja kein Geburtenrückgang, sondern es würden überhaupt keine Kinder mehr geboren.

Dörk fuhr zurück nach Hammerfest und schloss sich in seinem Labor ein. Er untersuchte, forschte, holte Daten aus der ganzen Welt und lud kurzfristig Fachleute anderer Fachrichtungen zu sich ein. Vier Wochen später tauchte er dann auf dem Folgekongress in Stockholm mit einer haarsträubenden Theorie auf. Er behauptete schlicht und einfach, dass die Menschheit binnen der nächsten 80 Jahre aussterben werde, weil keine Kinder mehr geboren werden könnten - nirgendwo mehr auf der ganzen Welt. Ursache sei eine Störung des natürlichen Ablaufs der Menschwerdung; nach der Befruchtung der Eizelle würde diese sich nicht, wie im Bauplan vorgesehen, teilen und zu einem Embryo heranwachsen.«
»Moment mal«, unterbrach Hanna, »soweit ich weiß, läuft der Befruchtungsvorgang in etwa so ab: Wenn die „siegreiche“ Samenzelle in das wartende Ei eindringt, wird der Zeugungsvorgang gestartet. Die Wand der Eizelle wird blitzartig undurchdringlich, dafür sorgen spezielle Botenstoffe in der Eizelle. Nachdem die beiden Chromosomensätze von Mutter und Vater verschmolzen sind, beginnt sich die Eizelle zu teilen. Der zukünftige Mensch besteht zunächst aus zwei Zellen, dann aus vier, acht, 16 Zellen. Eine Woche nach der Befruchtung ist aus diesem sich ständig teilenden Zellgebilde die so genannte Blastozyste entstanden; dieser Zellverband lagert sich in die Gebärmutterschleimhaut ein und die Embryonalentwicklung beginnt …«
Der Wissenschaftliche Rat für Biologie nickte: »Dieser Ablauf ist den Zellen als Bauplan hinterlegt - sogar schon in der ersten Zelle und müsste automatisch ablaufen. Doch Arison Dörk bewies anhand seiner Forschungsergebnisse, dass irgendetwas - ein äußerer Einfluss oder eine Epidemie - diesen automatischen Ablauf stoppte und die Zellteilung verhinderte. Wissenschaftler aller Fachbereiche stürzten sich auf die neue Aufgaben und beachtliche Mittel wurden bereitgestellt, um hinter das Geheimnis zu kommen und das Aussterben der Menschheit zu verhindern. Nach endlosen erfolglosen Forschungsreihen fand man heraus, dass eine Strah-lungskomponente unserer Sonne für das biologische Desaster verantwortlich war. Diese Strahlung wurde erstmalig 2620 im Rahmen großer und andauernder Sonneneruptionen entdeckt und erhielt den Namen Theta-Strahlung.
Wir wissen inzwischen, dass die Theta-Strahlen nicht unmittelbar von radioaktiven Substanzen ausgesandt werden, wie z.B. die Alpha- oder Beta- oder Gamma-Strahlen Strahlen, sondern im Zusammenhang mit einem primären Stoßprozess innerhalb unserer Sonne entstehen, bei dem in geringen Mengen auch Antimaterie im Spiel ist.
Was wir aber im Jahre 2620 noch nicht wussten, was, dass diese Theta-Strahlung für höher entwickelte Lebensformen ungeheuer gefährlich ist. In gewissem Sinne sogar tödlich.«
»Und was genau macht diese Strahlung so gefährlich?« fragte die Hanna. Hupert Andersloh sah zu ihr hinüber und fragte: »Sie sind Biologin?«
»Nein, Ärztin«, antwortete die rothaarige Frau.
»Nun ja …, wir wissen es immer noch nicht ganz genau, aber die Theta-Strahlung der Sonne ist definitiv dafür verantwortlich, dass ein befruchtetes Ei sich nicht zu einem Embryo weiterentwickeln kann. Trotz erfolgreicher Zeugung entsteht kein neues Leben. In keinem Fall und auch nicht bei den anderen höher entwickelten Säugetieren.«
»Diese Strahlung zerstört die Teile der menschlichen Chromosomen, die den Bauplan enthalten?« vermutete Hanna. Der Wissenschaftliche Rat für Biologie nickte: »Ich sagte ja, wir wissen es nicht genau, aber wir sind ganz sicher, dass die Theta-Strahlung für die Kinderlosigkeit auf der Erde verantwortlich ist.«
»Gab es keinen Schutz? Bleiwände oder tiefe Bergwerkstollen?« fragte Knut.
»Nein. Wir haben alles probiert; mechanische Schutzvorrichtungen, elektrostatische Feldschirme, sogar einen Raumflug bis zum Mars - alles erfolglos. Die Theta-Strahlung durchdringt mühelos feste Stoffe und verliert ihre schädliche Wirkung auch nicht in größerer Entfernung«.
»Und dann habt Ihr diese Stadt gebaut?« fragte der Dicke Fitti.
»Wir hatten nicht viel Zeit«, antwortete Andersloh. »Die Menschheit des Jahres 2.620 würde keine Kinder mehr haben und rd. hundert Jahre später ausgestorben sein!«
»Hundert Jahre sind eine lange Zeit«, sinnierte Knut Haberling, doch der Wissenschaftler widersprach: »In Wirklichkeit hatten wir noch nicht einmal hundert Jahre. Männliches Sperma kann man einfrieren, aber eine Frau verliert spätestens mit 60 Jahren die Möglichkeit, Kinder zu gebären. Wir mussten also bis zum Jahre 2.680 eine Lösung gefunden haben.«
»Weil dann die letzte Frau aus der gebärfähigen Lebensphase heraus gealtert wäre«, sagte Hanna. Hupert Andersloh nickte und fuhr fort: »Aber es schien Hoffnung zu geben. Unsere Sonnenforscher gingen davon aus, dass die Sonneneruptionen und die damit verbundene Emission der Theta-Strahlung binnen weniger Jahre nachlassen würden. Leider war das ein Irrtum; die Emissionen dauerten zuletzt immer noch an. Mittlerweile ist schon die dritte Generation in die Vergangenheit gereist, um Kinder zu zeugen.«
»Gab es keinen anderen Weg? Wieso haben Sie nicht versucht, die Erde zu evakuieren?« fragte Knut. »Sie hatten schließlich über 600 Jahre Zeit, aus den von uns erfundenen Antrieben etwas zu entwickeln, das die Distanz zu den Sternen in angemessener Zeit überbrücken könnte.«
Huk lachte und führte den Vortrag weiter: »Natürlich haben wir auch daran gedacht, die Erde zu evakuieren und die Menschen außerhalb der schädlichen Strahlung unserer Sonne anzusiedeln, aber alle Forschungen über einem schnellen oder gar überlichtschnellen Sternenantrieb waren schon lange vor unserer Zeit ergebnislos beendet worden. Der alte Einstein hatte Recht. Nichts kann schneller sein als das Licht und es ist äußerst schwer, auch nur in die Nähe einer interstellaren Geschwindigkeit zu gelangen!
Aber zum Glück sind wir auf einen anderen Lösungsweg gekommen: Die Wissenschaftler des Nobel-Instituts - eine speziell für die Rettung der Menschheit gegründete Arbeitsstätte für Nobelpreisträger - fanden heraus, wie man ein benachbartes Paralleluniversum nutzen und „bereisen“ konnte. Vereinfacht gesagt, nutzen wir dieses Paralleluniversum um von dort, durch ein 50 km breites „Tor“, in die Vergangenheit unseres eigenen Universums zu gelangen. Dabei wird die am Zielort vorhandene Materie verdrängt und - wiederum über das Paralleluniversum - in die Vergangenheit „geschoben“.«
»Geraten die verdrängten Lebewesen dabei in Gefahr?« fragte Knut.
»Vermutlich nicht, aber wir wissen es nicht genau. Letztendlich geht es um die Rettung der Menschheit; da müssen gewisse Kollateralschäden in Kauf genommen werden.«
Knut und Kapitän Hansen sahen sich an, sagten aber nichts. Huk fuhr fort: »Nachdem unsere Tests erfolgreich waren, bauten wir unsere Südpolarstation so um, dass sie auch als Transportmedium geeignet war - die Eherne Stadt war entstanden. Wir schickten Hunderte von Paaren auf die erste Reise in die Vergangenheit und die Frauen wurden tatsächlich schwanger. Der Jubel war groß, als die erste Generation 20 Jahre später zurückkehrte, zusammen mit einer Menge halbwegs erwachsener und gesunder Kinder.«
»Und nachdem die Strahlung nicht nachließ, schickte man diese Kinder auf die zweite Zeitreise?« fragte Knut. Die beiden Wissenschaftler nickten und Huk fuhr fort: »Die erste Reise fand 2630 statt und die Menschen kehrten mit ihren Kinder 20 Jahre später zurück. Weil die Strahlung immer noch anhielt und man weiterhin keine Kinder bekommen konnte, reisten die älteren Kinder der ersten Gruppe im Jahre 2658 erneut in die Vergangenheit. Wiederum 20 Jahre später kehrte die zweite Generation mit ihren Kindern zurück, die dann, als die Sonnentätigkeit immer noch nicht nachgelassen hatte, im Jahre 2685 zur dritten Expedition aufbrachen.«
»Lassen Sie mich raten«, sagte Knut. »Die erste Reise ging an die marokkanische Küste, die zweite Reise nach Nordfriesland und die vorerst Letzte ging an die Mündung der Ruhr. Ist das Vorhandensein von großen Wassermengen für Sie wichtig?«
Hupert Andersloh nickte: »Ja. Wir brauchen ständig viel Wasser für den Betrieb unserer Fusionsreaktoren, die aus Wasserstoff die anderen Elemente erzeugen. Und natürlich Energie.«
Knut nickte und setzte nach: »Damit hat die Ehernen Stadt auch die Sage von Atlantis erzeugt, als sie an der marokkanischen Küste auftauchte und dort eine Stadt in die Vergangenheit geschoben hat, wo diese Stadt dann zur „Stätte der Heilung“ wurde - zu Atlantis.«
»Wir nehmen an, dass es die mittelalterliche Stadt Rabat gewesen ist, die in die Vergangenheit gedrängt wurde und dort zur sagenhaften Stadt Atlantis wurde«, sagte der hagere und glatzköpfige Physiker, der auch weiter erzählte: »Rungholt war dann später für viele Jahre der Zielort der Ehernen Stadt, ehe sie wegen der unangenehmen Begleiterscheinungen des Zeitversatzes, der so genannten „Strangeness“, in unsere Zeit zurückkehren musste. Leider waren einige unserer Bewohner noch „Draußen“, sodass wir die Stele installiert haben, mit der Sie letztendlich hierhin gelangt sind.«
»Sie sprachen von Strangeness, Huk. Wie kann ich das verstehen?« fragte der Dicke Fitti.
»Strangeness nennen wir eine Zusammenfassung verschiedener Eigenschaften unterschiedlicher Universen. Je höher die Strangeness, desto größer ist der Unterschied zwischen unserem Universum und dem fremden Universum. Die Strangeness macht sich optisch durch den Nebel bemerkbar, der das Gebiet bedeckt, in dem alle elektrischen Geräte lahm gelegt sind.«
»Und sie lähmt auch die Menschen, die ein fremdes Universum bereisen - wie wir, als wir von Rungholt hierhin kamen?« fragte der Dicke Fitti.
»Sie beeinflusst den Denkprozess, ja, aber nur kurz. Anders sieht es aus, wenn die Eherne Stadt ihre Position in der Vergangenheit eingenommen hat. Dann lähmt die Strangeness der Stadt das Umfeld und alle elektrischen Geräte funktionieren dort nicht. So wie jetzt.«
»Das bringt mich zu einer Frage, die ich schon die ganze Zeit stellen wollte«, sagte Kapitän Hansen und sah die beiden Wissenschaftler ruhig an: »Wo sind wir jetzt? Und wann?«
»Kommt mit. Wir zeigen es Euch«, antwortete Huk.«

*

Die beiden Wissenschaftler und drei weitere Personen hatten sie auf ihrem Rundgang durch die Kuppeln der Ehernen Stadt begleitet und ihnen viel gezeigt und erklärt. Die acht Reisenden waren durch Licht durchflutete weißen Hallen gewandert, hatten unzählige glückliche und meist blonde Menschen in weißen Kleider gesehen; zu ihren Füßen glückliche und brave Kinder …

In der letzten Halle war nicht nur die Decke lichtdurchlässig gewesen, sondern auch ein Teil der Wände. Hier konnte man nach Draußen sehen, aber hinter den Wänden schien es nur dichten Nebel zu geben …
»Dieser Nebel …«, erklärte einer der hinzugekommenen Wissenschaftler, »wird in wenigen Jahren verschwunden sein und dann werden die Menschen der Ehernen Stadt die Schönheiten der Außenwelt sehen können.«
»Werden sie auch nach Draußen gehen können?« fragte Hanna.
Einer der Begleiter nickte: »Selbstverständlich. Auf allen Reisen der Ehernen Stadt haben unsere Bürger Exkursionen gemacht und viel über unsere Vorgeschichte gelernt. Es ist Teil der universitären Ausbildung.«
»Schön«, knurrte der Kapitän und sah den Physiker auffordernd an, »jetzt aber mal zurück zu meiner Frage: Wo sind wir jetzt? Und wann?«
»Oh, ich dachte, das wäre Ihnen längst klar, Herr Hansen. Dies ist die Region der Ruhrmündung in den Rhein und wir schreiben das Jahr 2013.«


(Fortsetzung folgt)

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6. In der Nebelzone …



Nach dem Rundgang durch die Hallen und Kuppeln der Ehernen Stadt hatten man die acht Reisenden in die Isolierstation zurückgebracht. Die Türen würden zwar jetzt offen bleiben, aber der Wissenschaftler Andersloh hatte sie gebeten, die Isolierstation trotzdem nicht zu verlassen - aus bio-hygienischen Gründen, wie er sagte.

Kaum dass sie wieder allein waren, platzte dem Dicken Fitti der Kragen: »Mir reicht es! Ich kann dieses Gesülze nicht mehr hören! Das ist ja fast so wie in der Ostzone oder bei den Nazis! Die Kinder werden geboren und sofort auf Linie getrimmt! Die armen Blagen kommen mit 2 Jahren in den Kinderhort und danach in den Kindergarten. Mit 6 Jahren geht’s zur Schule und mit 18 zur Universität. Zwei Jahre später kehrt die Stadt in das 27. Jahrhundert zurück und die jungen Menschen werden sofort auf ihre zukünftige Rolle als Zeugungs- und Geburtsmaschinen getrimmt. Noch 2 Jahre Universität und dann geht’s erneut ab in die Vergangenheit: Kinder machen! Wann …, ich frage Euch, WANN haben diese Kinder mal unbeschwert spielen können? Ohne Aufsicht durch irgendwelche Erzieher? Haben sie sich je geprügelt oder sich dreckig gemacht? Gegen irgendwas aus Wut getreten, mit ihren Lehrern gestritten, ihre Mopeds frisiert oder gar heimlich geraucht? Wann hatten diese Kinder einmal Zeit, sich selbst zu eigenständig denkenden Wesen zu entwickeln?«

»Das ist schlimm, aber habt Ihr gehört, was dieser Andersloh noch erzählt hat?« fragte Knut. »Es wird in Zukunft nur noch eine Rasse geben: Die edle Rasse. Alle anderen Rassen will man aussterben lassen, weil die Vielfalt der Rassen und Religionen angeblich für die vielen Kriege und Spannungen verantwortlich ist.«
»Die edle Rasse? Damit sind dann wohl die blonden Hellhäutigen mit den blauen Augen gemeint, die wir in den Kuppeln gesehen haben«, sagte Kapitän Hansen. »So wie es aussieht, bekommt keine andere Rasse die Chance, mit der Ehernen Stadt in die Vergangenheit zu reisen, um eigenen Nachwuchs zu zeugen? Keine Farbigen, keine Asiaten, keine Araber …«
Der junge Pressemann nickte: »So soll das wohl laufen.«
»Sie pfuschen Gott also gewaltig ins Handwerk!« knurrte der Kapitän. » Aber wie konnten sie das geheim halten? Wie konnten sie verhindern, dass die jungen Paare der anderen Völker Ihnen nicht die Bude einrannten, bzw. diese Eherne Stadt?«
»Ich weiß es nicht«, antwortete der Dicke Fitti, »aber ich glaube, sie halten dieses Projekt streng geheim und warten einfach ab, bis die anderen Menschen aus dem gebärfähigen Alter herausgealtert sind. Die Zeit arbeitet letztendlich für sie.«
»Ich finde das zum Kotzen«, fluchte der ostfriesische Kapitän. »Faktisch verurteilen die 99% der Menschheit zum Aussterben, damit eine paar blonde Weiße mit blauen Augen überleben. Das ist …, ich fasse es nicht! Das ist ein ungeheures Verbrechen gegen die Menschheit. Damit unterscheidet sich deren Gesellschaft in Nichts von dem Rassenwahn der Nazis oder den Machenschaften des Stalinismus in Osteuropa. Das ist einfach nur widerlich!«
»Und raus lassen tun die uns auch nicht«, schimpfte Hanna Schreiber.
»Ist ja nur wegen der möglichen Ansteckung der edlen Rasse durch Keime, Bakterien oder Viren, die wir aus dem ersten Jahrhundert mitgeschleppt haben könnten«, versuchte Franz Helmer sie zu beruhigen.
»Die Isolierstation meinte ich nicht, Franz. Sondern das Draußen, das da hinter den ehernen Wänden liegt. Das Draußen des Jahres 2013. Unsere Heimat.«
»Angeblich kann man den Nebel nicht durchqueren«, sagte Knut.
»Sagt wer?« fragte der Dicke Fitti.
»Dieser Huk.«
»So´n Quatsch, Knut! Wir haben den Nebel auf Rungholt auch durchquert.«
»Aber da gab es nur noch die Stele; die ungleich größere Stadt war schon weg«, widersprach Knut seinem Freund. »Und da diese Strangeness-Effekte auch von der Masse des betroffenen Objektes abhängig sein sollen …«
» … fallen weit um die Stadt herum nicht nur sämtliche elektrischen Geräte aus, sondern es können dort keine Menschen leben und es kommen auch keine Menschen an die Stadt heran«, setzte Jenny den Satz ihres Freundes fort.
»Was wiederum erklärt, warum draußen vor der Ehernen Stadt keine Horden von Schaulustigen und diverse Fernsehteams warten«, sagte der Kapitän.
»Oder die Bundeswehr …«, ergänzte der Dicke Fitti.

*

Um 3 Uhr Nachts hatte man sie hinausgeworfen …

Das Licht war plötzlich angegangen und der Mann, den sie als den Beobachter kennen gelernt hatten, war herein gekommen und hatte ihnen in halbwegs verständlichem Neu-Englisch mitgeteilt, das der Rat der Wissenschaftler in seiner Abendsitzung beschlossen hätte, dass sie die Eherne Stadt binnen einer Stunde zu verlassen hätten. Der Rat sei sicher, dass ihnen eine neuerliche Belastung durch die Strangeness durchaus zuzumuten sei, da sie diesem Effekt bereits längere Zeit ausgesetzt gewesen wären und man von einer gewissen Immunität ausgehen könne! Basta!

In der Verpflegungsausgabe hatten noch acht Essenspakete für sie bereitgelegen und nach nicht einmal einer halben Stunde hatte sich eine Pforte der Ehernen Stadt kurz geöffnet, um die noch schlaftrunkenen Menschen hinauszulassen.
Schweigend und ohne eine Geste des Abschieds hatte sich der Beobachter umgedreht und die Pforte hinter sich geschlossen.

*

Drei Stunden waren sie jetzt schon unterwegs und hatten sich im dichten Nebel von Fittis Minikompass leiten lassen, den der Handwerker aus den unzähligen Taschen seines Overalls hervorgezaubert hatte.
Solange sie noch in Sichtweite der mächtigen Kuppeln der Stadt aus der Zukunft gewesen waren, hatte der kleine Kompass noch verrückt gespielt, aber seit sie die Schienen der Stadtbahn gefunden hatten und an ihnen entlang nach Süden gewandert waren, war es halbwegs gegangen.

Ihre erste Rast hatten sie in der Nähe des Wracks eines offensichtlich abgestürzten Flugzeuges gemacht, das sie auf den Feldern nördlich der Düsseldorfer Vorstadt Wittlaer gefunden hatten.
Der Dicke Fitti und die beiden ehemaligen Personenschützer hatten die Reste der Boing 737 kurz untersucht und waren sogar hineingeklettert, aber schon nach wenigen Minuten wieder herausgekommen. »Alles leer. Und nix funktioniert mehr«, hatte Lechti Müller gemurmelt und sich dann ermattet neben dem Käpt´n ins Gras gesetzt.
»Wie bei unserem Boot«, hatte dieser mit Blick auf das Flugzeugwrack geantwortet. Der Dicke Fitti nickte: »Absturz wahrscheinlich infolge des Ausfalls aller elektrischen Systeme durch den EMP-Effekt, der, wie wir inzwischen ja wissen, Strangeness-Effekt genannt wird.«

Zwanzig Minuten später hatten sie sich wieder aufgerafft und ihren mühsamen Marsch nach Süden fortgesetzt.

*

Bericht Jenny Schreiber:

Mir geht´s einfach nur scheiße! Ich habe furchtbare Kopfschmerzen, mir ist übel und meine Beine wollen mich nicht mehr tragen. Langsam fange ich an, die Drei da vorne zu hassen. Sie sind viel zu schnell; ich komme nicht mehr mit. Der dicke alte Mann ist der Schlimmste von allen! Hat ein horrendes Übergewicht, stürmt aber voran, als wenn es hinter der nächsten Ecke etwas umsonst gäbe. Mein lieber Knut scheint auch ziemlich fertig zu sein; schön, dass ich nicht die Einzige bin, die nicht mehr kann.
Ich will eine Pause, aber dieser aufgeblasene Werkstattleiter meint, die letzte Pause sei gerade mal eine Stunde her. Eine Stunde? Von wegen …; das waren E-wig-kei-ten! Außerdem geht mir dieser Nebel auf die Nerven - alles grau in grau! Furchtbar!

Bericht Friedhelm Kohlschreiber:

Ist schon ein komisches Gefühl, durch das menschenleere Kaiserswerth zu laufen. Alle Ampeln sind aus, die Uhren am Klemensplatz stehen. Die Laternen funktionieren natürlich auch nicht …, klar. Und dann noch dieser verdammte Nebel - nicht mehr so dicht wie am Anfang, aber er liegt immer noch wie ein dreckiges altes Leichentuch über diesen Vorort. Färbt alles grau in grau! Düster, wie an einem Herbsttag.
Egal! Wir müssen weiter. Niemand weiß, wie weit dieser scheiß Nebel reicht und wo die Zone mit den Strangeness-Effekten endet. Wo die Menschen warten. Außerdem weiß niemand, wie lange unsere Körper diesen Strangeness-Effekt ertragen können.
Wir müssen es erstmal nur bis Lohhausen schaffen, denn ab da weiß ich eine Lösung für mich und meine fußkranken Freunde: Den Fahrradladen an der alten Flughafenstraße!
Wenn nichts mehr funktioniert, keine Straßenbahn fährt und keine Autos anspringen, dann muss eben Muskelkraft helfen. Aufs Fahrrad und ganz schnell raus aus der Nebelzone. Dann sehen wir weiter …

*

Obwohl die Gruppe immer langsamer geworden war und immer öfter Pausen eingelegt werden mussten, erreichten die Acht den kleinen Platz neben der Stadtbahnhaltestelle Düsseldorf-Lohausen am frühen Nachmittag. Der Dicke Fitti führte sie bis vor das Fahrradgeschäft, zeigte in das Schaufenster und sagte: »Zum Glück ist der Laden nicht ausgeräumt worden und es gibt genug Fahrräder für uns alle. Mein Plan ist folgender: Wir brechen ein, „leihen“ uns jeder ein Rad und hinterlassen unsere Namen und Anschriften - für später. Dann fahren wir über die alte B8 nach Süden - solange, bis die scheiß Nebelzone aufhört. Da niemand weiß, wie weit diese Zone reicht, sollten wir unsere Kräfte schonen und heute nur noch ein kurzes Stück fahren. Bis zum Fernmeldeturm sind´s am Rhein entlang gut 8 Kilometer. Vielleicht hört die Nebelzone schon früher auf, aber wenn nicht, dann machen wir dort für heute Schluss und suchen uns einen Ort zum Schlafen. Seid Ihr einverstanden?«
Alle nickten.

Der Dicke Fitti ging zu einer nahen Baustelle und kam mit einem Ziegelstein und einer Eisenstange zurück. Er musterte die Türe mit ihrem starken Gitter, schüttelte seinen Kopf und trat dann vor die Schaufensterscheibe.
»Zurücktreten!« rief er und schleuderte den Ziegelstein in das Schaufenster des Fahrradgeschäfts. Die Scheibe brach mit einem lauten Knall, dessen Echo heftig durch den menschenleeren Ort schepperte, aber ansonsten blieb es ruhig, weil die Alarmanlage des Fahrradladens wegen der bekannten Strangeness-Effekte nicht funktionierte.
»Dies ist hoffentlich nicht der Beginn einer glänzenden kriminellen Karriere«, knurrte der Käpt´n und half dem Dicken Fitti, die Glasscherben und Reklametafeln aus der Auslage zu entfernen. Dann packte er das erste Fahrrad aus der Auslage, ein stabiles Mountain Bike mit großer Rahmenhöhe, und reichte es an Lechti Müller weiter: »Müsste passen!«
Der groß gewachsene Personenschützer nahm das Rad, passte Lenker- und Sattelhöhe an und prüfte die Luft. Dann setzte er sich drauf, fuhr ein paar Meter und rief: »Passt!«

Zwanzig Minuten später hatten sie sich alle mit einem passenden Fahrrad versorgt und machten sich auf den Weg nach Süden; Kurs Rheinturm.

*

Eherne Stadt, Wissenschaftlicher Rat:

Die Abendsitzung des Wissenschaftlichen Rates war nicht in der üblichen Ruhe und Sachlichkeit verlaufen. Während die meisten Räte weiterhin zu dem Rauswurf der acht Menschen gestanden hatten, hatte Heilander Huk seine Meinung überdacht. Er trat vor die Ratsversammlung und sagte: »Nur weil diese Menschen sich abfällig über unsere Rassenplanung und unser Erziehungssystem geäußert haben, haben wir sie in den tödlichen Nebel hinausgejagt?«
»Sie waren gut versorgt, sind aber aus der Isolationsstation ausgebrochen und haben uns bedroht!« widersprach Keifa Mellertocht, der Wissenschaftliche Rat für Biogenetik. »Mit einem Metallrohr! Außerdem waren diese Menschen nicht bereit, sich anzupassen. Die hätten sich nie und nimmer in unser System integriert!«
Huk widersprach: »Das mag sein, aber darf ich Sie, verehrte Räte, daran erinnern, dass diese Menschen zu einer Generation gehören, die als äußerst kritisch bekannt ist. Vieles, was uns heute geläufig und wichtig ist, widerspricht dem Freiheitsbegriff dieser Menschen. Auch die Form unserer Kindererziehung.«
»Schön, dass Sie gerade den Aspekt der Kindererziehung ansprechen, verehrter Huk. Selbst die gefürchteten 68er haben Anfang des 21. Jahrhunderts Kinderkrippen und Kinderhorte befürwortet«, entgegnete Mellertocht.
»Offensichtlich aber nicht alle«, antwortete Huk leise. »Es gab Strömungen, die den Kindern weiterhin das freie Spielen ermöglichen wollten - ohne Aufsicht durch irgendwelche Erwachsene.«
»In unserer Zeit undenkbar und angesichts unserer Aufgabe auch völlig kontraproduktiv«, sagte Mellertocht, der die Mehrheit der Räte auf seine Seite wusste. »Stellen Sie sich einmal vor, verehrter Rat, die jüngsten unserer Kinder würden sich nach der Rückkehr der Ehernen Stadt nur noch mit Spielen beschäftigen, anstatt sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten.«

Huk ahnte, dass eine weiter Diskussion nichts mehr bringen würde. Er zuckte mit den Schultern und sagte: »Also keine Rettungsmission?«
»Ich bitte Sie, Huk. Um uns dann jahrelang mit diesen Querdenkern herumzustreiten oder eine Ansteckung unserer Nachkommen zu riskieren? Oder, was noch schlimmer wäre, vielleicht sogar eine genetische Vermischung unsere jungen Frauen mit diesen Barbaren? Sehen Sie sich nur diese beiden groß gewachsenen Schönlinge an«, entgegnete der Wissenschaftliche Rat für Biogenetik scharf.
»Aber sie werden den Marsch durch die Nebelzone nicht überleben«, wandte der Physiker ein. Mellertocht widersprach: »Diese Menschen sind mit einem Präparat gegen die Folgen des Nebelfeldes behandelt worden. Das Präparat war ihrer Nahrung beigefügt und es reaktiviert und stabilisiert die bio-elektrischen Abläufe im Gehirn. Wenn sie sich nicht unnötig lange innerhalb des Nebelfeldes aufhalten, werden sie es überleben. Auch aus diesem Blickwinkel gibt es keinen Anlass für eine Rettungsmission!«

*

Bericht Jenny Schreiber:

Hier ist es bestimmt richtig schön, wenn die Menschen an einem warmen Sommerabend am Ufer sitzen, um die Abendsonne zu genießen, die hinter dem Rhein untergeht. Oder auf der Terrasse dieses hübschen Restaurants Kaffee trinken und leckeren Kuchen essen.
Jetzt, wo dieser verfluchte Nebel überall ist, ist dies alles nur öde und tot. Kalt und abstoßend! Selbst der Rhein hat dieses verfluchte matte Grau.
OK, mit Hilfe der Fahrräder sind wir ganz gut vorangekommen und ich kann schon die nächste Rheinbrücke sehen - sie heißt Nordbrücke oder so. Noch zwei weitere Brücken und wir haben unser Tagesziel erreicht. Ich kann auch nicht mehr!
Meine Schwester kuckt auch schon so seltsam. Als Ärztin hat sie wohl längst begriffen, wie schlecht es uns geht. Aber sie kann uns nicht helfen; die Typen in der ehernen Stadt haben ihren gesamten Medikamentenvorrat konfisziert. Das Zeug sei angeblich schädlich …; so ein Blödsinn!
Mir ist immer noch schlecht und nur die Hoffnung auf das Ende der Nebelzone hält mich aufrecht. Aber ich kann nicht mehr. Nur noch zwei Brücken …

Bericht Hanna Schreiber:

Die Symptome werden deutlicher! Die Müdigkeit, die Kopfschmerzen und die Übelkeit. Bei allen hier und auch bei mir. Der Dicke Fitti lässt sich nichts anmerken und auch die beiden großen starken Männer nicht, aber mir können sie nichts vormachen. Die Symptome deuten auf eine Senkung des Melatoninspiegels durch HF-Exposition hin; wahrscheinlich zusammen mit einer massiven Beeinträchtigung der Blut-Hirn-Schranke. Dieses Krankheitsbild ist bislang nur in Verbindung mit extrem hohen elektromagnetischen Feldern vermutet worden, aber noch nie beobachtet worden. Ich mache mir ernsthaft Sorgen und hoffe, dass wir bald aus diesem Nebel heraus kommen. Sonst …, ich weiß nicht.«
Etwas schepperte. Hanna drehte sich um und erstarrte: »Hey, was passiert da mit Knut? Oh Gott …«

Hanna sah, wie der junge Pressemann mitsamt seinem Fahrrad einfach umfiel - ohne einen Laut und direkt in einen Busch neben dem Radweg. Seine Freundin Jenny, die dicht neben ihm gefahren war, sprang von ihrem Fahrrad und rannte zu ihm hin. Sie bückte sich, tastete über das Haar ihres Freundes und sah dann zu ihr hoch - Hilfe suchend: »Hanna …?«
Hanna stürzte zu dem Freund ihrer Schwester und fühlte zuerst seinen Puls. Sie schüttelte den Kopf, packte das Fahrrad und rief: »Das Rad muss weg. Schnell!«
Die beiden Schwestern packten das Rad und zogen sie es von dem gestürzten und leblosen Körper. Dann warf sich Hanna über Knut und begann mit der Herzdruckmassage.
In kurzen und heftigen Stößen gegen den unteren Teil des Brustbeines versuchte sie das Herz des jungen Mannes wieder zum Schlagen zu bringen. Eine halbe Minute lang …, eine ganze Minute. Erfolglos! Doch dann, als ihre Kräfte schon zu erlahmen schienen, fühlte sie eine kräftige Hand, die sie von Knuts Körper schob. Urs Müller, der pensionierte Rettungssanitäter, war an ihre Stelle getreten und setzte die Herzdruckmassage fort.
Fast eine ganze Minute dauerte es noch, bis das Herz des jungen Mannes wieder an zu schlagen fing und weitere fünf Minuten, bis er endlich wieder die Augen aufschlug.
Lechti und Franz halfen Hanna, den jungen Pressemann auf eine Bank zu legen. Hanna reichte ihm etwas zu trinken und sagte: »Das war ganz schön knapp.«
Knut nahm die Flasche, trank einen Schluck und sagte: »Danke. Erst kamen die Kopfschmerzen, dann die Übelkeit, dann der Schwindel … und dann wurde es dunkel.«

*

»Wisst Ihr, was mir aufgefallen ist«, begann Knut, nachdem er sich einigermaßen erholt und sie alle eine längere Pause gemacht hatten. »Die Wissenschaftler in der Ehernen Stadt behaupteten doch, dass dieser Strangeness-Effekt, wegen dem ich aus dem Latschen gekippt bin, eine Begleiterscheinung der Zeitreise durch die Nachbardimension sei. Das kann aber nicht sein. Zwar hatten wir diesen Nebel auch bei unserem Vordringen nach Rungholt, aber es gab keinen Nebel, als die Region Duisburg in die Zeit des Römischen Reiches eingedrungen ist.«
»Du hast Recht, Haberling«, sagte der Dicke Fitti und führte Knuts Gedankengang fort: »Die Zeitreise der Duisburger Region wurde zwar durch das Auftauchen der Ehernen Stadt an der Ruhrmündung angestoßen, führte aber - genau wie die auslösende Reise der Ehernen Stadt - durch die Paralleldimension. Also hätte es den Nebel bei unserem Auftauchen in der Zeit der Römer auch geben müssen. Hat es aber nicht.«
»Entweder wussten sie es nicht besser oder man hat uns belogen«, knurrte Hilmar Hansen, der gelassen an einer Wand lehnte, die sich oberhalb seines Kopfes zu einem der rechtsrheinischen Brückenpfeiler der Nordbrücke aufschwang.
Der Dicke Fitti nickte: »Ich vermute, dass die Geräte der Ehernen Stadt, die dieser Stadt die Zeitreise ermöglichen, die Ursache für den Strangeness-Effekt sind. Schließlich muss die Stadt solche Geräte an Bord haben, sonst könnte sie nicht irgendwann „aus eigener Kraft“ in das 27. Jahrhundert zurückkehren. Auch die Stele von Rungholt hatte wahrscheinlich so etwas eingebaut; sie schickte uns damit in die Eherne Stadt, die zu dieser Zeit längst im 21. Jahrhundert angekommen war.«
»Und diese Zeitreise-Maschinen brauchen Energie. Wahrscheinlich ganz viel davon«, sagte Knut. »Und diese Energie erzeugen sie wahrscheinlich mit Hilfe ihrer Fusionsreaktoren, die nach ihren Angaben mit Wasser laufen. Wenn wir denen nun das Wasser abdrehen würden, würde deren Energie knapp und sie müssten mitsamt ihrer Stadt aus unserer Zeit verschwinden. Duisburg kehrt an seinen Platz zurück und alles wäre wieder ins Lot.«
»Schöner Gedanke, Knut«, lachte der Dicke Fitti, »aber leider nicht zu bewerkstelligen. Wir müssten den Rhein umleiten, die Anger, Ruhr, die Emscher und die Lippe. Und zusätzlich dafür sorgen, dass alle Seen austrocknen und das Grundwasser so weit absinkt, dass unsere Gäste nicht mehr drankommen. Nicht zu machen!«
»Schon klar«, knurrte Knut, »aber es ist schön zu wissen, wo unsere Zeitgäste und ihre blonde Herrenrasse, die sie da gerade heranzüchten, ihren Schwachpunkt haben.«



(Fortsetzung folgt)
07.10.2013 10:47 Bully ist offline E-Mail an Bully senden Homepage von Bully Beiträge von Bully suchen Nehmen Sie Bully in Ihre Freundesliste auf Fügen Sie Bully in Ihre Kontaktliste ein
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„Die Eherne Stadt“ ist also an die Stelle der Stadt Duisburg getreten und die Menschen der Zukunft versuchen dort rücksichtslos und mit aller Macht, das Aussterben der Menschheit zu verhindern. Unsere acht Protagonisten haben die Eherne Stadt verlassen müssen und versuchen nun, die sie umgebende Nebelzone zu verlassen – ein gefährliches Ansinnen. Und Andere versuchen, in die Nebelzone einzudringen, weil an in der Außenwelt nicht weiß, womit man es zu tun hat …


7. ... wartet der Tod



Mit gleichmäßigen und kräftigen Schlägen trieben die beiden Ruderer das schmale Ruderboot unter die Theodor-Heuss-Brücke hindurch Rheinabwärts Richtung Norden - im tiefer in die Nebelzone hinein. Andre Bornemann und Kevin Waning waren durchtrainierte Ruderer, die zahllose Einsätze im NRW-Achter und sogar im Deutschland-Achter hinter sich hatten.
Als die Katastrophenschutzleitung Freiwillige gesucht hatte, um das seltsame Nebelfeld zu erkunden, hatten sich Andre und Kevin spontan gemeldet - entgegen dem Rat ihrer Trainer und Mannschaftsärzte, die vor den gesundheitlichen Risiken einer solchen Fahrt gewarnt hatten. Aber Andre und Kevin waren nach den Ergebnissen der Tests sicher, dass das Langstreckenrudern ihre Kondition soweit gestärkt hatte, dass sie den schädlichen Einflüssen der Nebelzone gewachsen wären.

»Mir geht’s gut, aber sonst funktioniert nichts in dieser dämlichen Nebelzone«, schimpfte Kevin Waning und hielt seinem Freund Andre die Armbanduhr entgegen: »Noch nicht mal meine Solar-Uhr!«
»Auch eine Solar-Uhr läuft elektrisch, Kev. Hätte ich Dir vorher sagen können. Meine mechanische Uhr tut´s noch. Es ist gleich fünf Uhr und wir haben vorhin die Theodor-Heuss-Brücke passiert. Wenn´s gut läuft, erreichen wir die Flughafenbrücke gegen halb Sieben und um acht Uhr können wir in Wittlaer sein. Dort machen wir dann Pause und morgen früh geht´s weiter.«

Drei Stunden später:

»Über zwei Jahre gibt es diese Nebelzone schon und erst jetzt kommen sie auf die Idee, es einmal mit Muskelkraft zu versuchen«, sagte Andre Bornemann, nachdem sie das Boot ans Ufer gezogen und die Campingsausrüstung ausgepackt hatten.
»Weil nichts anderes ging, Andre. Die Leute vom Katastrophenschutz haben alles versucht, aber das Satellitenbild zeigt über der Ruhrmündung nur eine dicke Nebelbank, die selbst mit Infrarot oder Röntgenstrahlen nicht durchdrungen werden konnte. Sämtliche Versuche mit bemannten oder unbemannten Flugobjekten scheiterten, weil kein elektrisches Gerät länger als ein paar Sekunden durchhielt. Auch Autos oder Motorräder versagten schon am Rand der Nebelzone, weil die Zündung ausfiel. Und zu Fuß …«
» … kippten die Menschen reihenweise um und mussten aufwändig aus der Nebelzone geborgen werden. Mit Pferdewagen.«
»Wobei auch viele Pferde schon nach einer halben Stunde schlapp gemacht haben«, fügte Kevin hinzu. Andre grinste breit: »Nur wir nicht, wie die Tests am Hafen bewiesen haben. Wir scheinen gegen die unbekannten Kräfte der Nebelzone ein wenig immun zu sein.«
»Hoffentlich bleibt das auch so«, knurrte der 25 jährige Rudersportler aus dem Münsterland, »Kopfschmerzen habe ich jedenfalls schon.«
»Die hab ich auch«, antwortete der gleichaltrige Andre Bornemann, der von der Renngemeinschaft des Meidericher Ruderclubs stammte und mit Kevin Waning zu einem Leistungslehrgang an der Ruderakademie Ratzeburg gewesen war, als die Nebelwand vor zwei Jahren plötzlich an der Ruhrmündung aufgetaucht war und alle Verbindungen nach Duisburg abgebrochen waren.

»Ich mach mir da keine Sorgen, Andre. Selbst wenn wir bewusstlos werden, schiebt uns die Strömung von Vater Rhein von allein wieder aus der Nebelzone heraus. Irgendwo hinter Dinslaken oder so.«
»Aber nur solange wir in der Flussmitte treiben und nicht bewusstlos an irgendwelchen Bunen hängen bleiben, Kevin«, antwortete Andre.
»Ich glaub nicht, dass wir bewusstlos werden, aber wenn´s einen von uns erwischt, muss der andere eben das Rettungsfloß klar machen. Mit dem runden Ding bleiben wir bestimmt nirgendwo hängen«, sagte Kevin und zog den Reißverschluss seines Schlafsacks hoch. »Gute Nacht, Andre.«
»Nacht, Kevin. Bis morgen früh.«

*


»Hast Du vorhin die Ruderer gesehen?« fragte Lechti Müller seinen Freund Franz, als sie nach der Pause wieder auf ihre Fahrräder kletterten.
»Ja«, antwortete Franz Helmer. »Zwei Mann in einem Wettbewerbsboot. Den Rhein runter.«
»Ruderer? Wo?« fragte Jenny Schreiber, die hinzu gekommen war.
»Vorhin, an der Brücke. Zwei Mann. Waren ziemlich schnell unterwegs. Die Außenwelt existiert also noch.«
»Hattest Du Zweifel?« fragte Jenny.
»Ehrlich gesagt, ja«, nickte der groß gewachsene ehemalige Personenschützer. »Und diese Außenwelt ist bestimmt nicht mehr weit entfernt.«
»Wieso, Franz?«
»Die Ruderer sahen frisch aus und waren schnell unterwegs. Die haben noch keinen weiten Weg hinter sich«, antwortete Franz.
»Schnell ist ja auch einfach; mit der Strömung geht´s ja quasi bergab«, winkte der Käpt´n ab und stieg jetzt auch auf sein Fahrrad. »So, der olle Friese ist trotz heftigster Kopfschmerzen auch startklar. Wir können wieder.«

Es war später Nachmittag, als die Acht mit ihren Rädern die breite Cecilienallee überquerten und auf den Radweg des Rheinparks einschwenkten. Obwohl es ihnen mittlerweile sehr schlecht ging, trieb sie die vage Hoffnung auf ein baldiges Ende der Nebelbank vorwärts.

Doch so weit sollten sie nicht mehr kommen …

Hanna und Jenny Schreiber kollabierten in Höhe des Schlossturms, die Männer brachen zusammen, als sie den beiden Schwestern zur Hilfe kommen wollten.

*


Wirtschaftsministerium NRW, Düsseldorf, Haroldstraße 4

Die oberen Etagen des Nordrhein-Westfälischen Wirtschaftsministeriums ragten wie ein schmutzig-grauer Marmorblock aus der Nebelzone heraus, die einen halben Kilometer weiter südlich immer flacher und dünner wurde und schließlich ganz auslief.
In der 16. Etage des Hochhauses hatten sich die Beobachter des Katastrophenschutzes einquartiert. Die Leitung des Katastrophenschutzes, die so genannte KSL-Land, hatte sich in ihr Ausweichquartier in der Nachbarstadt Hilden zurückgezogen, aber in der 7. Etage ihres Stammsitzes im Innenministerium noch eine Außenstelle eingerichtet.
Hajo Bosch, im „normalen Leben“ Einkäufer im Wirtschaftsministerium, legte sein Fernglas zur Seite und sah zu seinen beiden Kollegen hinüber: »Nördlich vom Schlossturm sind schon wieder ein paar Bekloppte unterwegs, die das Verbot missachtet haben und in der Nebelzone herum laufen …, bzw. herum fahren. Die haben Fahrräder dabei.«
»Lass mal sehen«, sagte Benny Offermanns und packte das Fernglas, das Hajo Bosch auf der Fensterbank abgestellt hatte. Er sah hindurch und knurrte: »Oje. Informier schon mal die Jungs von der Rettung. Die Bekloppten machen´s nicht mehr lang. Zwei sind schon umgekippt und die Anderen torkeln auch schon ganz heftig herum.«
»Als wenn unsere Warnschilder nicht groß genug wären«, knurrte Piet Deistler, gelernter Schlosser und passionierter Segler. Er versuchte es zunächst mit dem Funkgerät, schüttelte dann aber den Kopf und sagte:»Zu viele Störungen, Die scheiß Nebelzone ist noch zu nah.« Piet Deistler griff zu dem Kasten mit den Flaggen, holte das Flaggenset heraus und ging den Flur hinunter - zum Fenster an der gegenüberliegenden Gebäudeseite. Von dort aus konnte er zum Dienstgebäude des Innenministeriums hinüber sehen, wo der obere Teil von dessen silbrig glänzender Fassade sich aus der Nebelwolke heraus schob.
In der 7. Etage wartete sein Segelkamerad Björn Halfstetten. Auch Björn Halfstetten beherrschte das Flaggenalphabet, mit dem normalerweise Nachrichten zwischen Schiffen auf optischem Weg ausgetauscht werden konnten.
Piet Deistler griff zu den passenden Fahnen und signalisierte seinem Gegenüber: ACHT MANN HÖHE SCHLOSSTURM BRAUCHEN SOFORT HILFE.
Björn Halfstetten signalisierte zurück: VERSTANDEN. HILFE KOMMT.

Zwei Stunden später hatten Rettungstrupps die acht Menschen geborgen und mit Hilfe von Pferdekarren aus der Gefahrenzone heraus transportiert. In einer provisorischen Krankenstation südlich des Rheinturmes kümmerten sich zwei Ärzte sofort um sie, aber außer der Feststellung eines tiefen komatösen Schlafes, konnten sie nicht mehr viel für Kapitän Hansen und seine Freunde tun. Der größere der beiden Ärzte schüttelte den Kopf: »Tiefes Koma, wie bei den Anderen. Ich weiß nicht, wie lange sie in der Todeszone waren, aber ich fürchte, sie wer-den es nicht schaffen …«

*


Am nächsten Morgen:

Mit kräftigen und lang gezogenen Ruderzügen hatten Andre und Kevin ihr Boot in die Strömung hinein bugsiert und sich auf den Weg nach Norden gemacht - tiefer in die Nebelzone hinein. Ihr nächstes Ziel war die Mündelheimer Brücke im Süden des Duisburger Stadtgebiets.

Die beiden Ruderer hatten leidlich gut geschlafen und waren nach einem kurzen Frühstück aufgebrochen. Zu ihren Kopfschmerzen war eine leichte Übelkeit hinzugekommen.
»Ist aber noch auszuhalten«, sagte Andre, als er den Streifen mit den Pillen in seiner Brusttasche verpackte. Er drehte sich zu seinem Freud um: »Hast Du übrigens die Kamera klar?«
Kevin nickte: »Ist gut verpackt, das alte Stück. War übrigens gar nicht so einfach, da einen Kleinbildfilm einzufädeln. Hab zuhause eine Digitale und bin völlig aus der Übung. Jetzt ist der Film aber drin und getestet. Belichtungsmesser tut´s natürlich nicht - ist elektrisch. Egal. Nehme ne große Blende und 60igstel.«
»Du bist der Profi«, antwortete Andre. »Die Bilder werden schon was werden.«
»Wenn´s überhaupt was zu fotografieren gibt.«
»Wir werden sehen.«

*


Man hatte die Acht in das Heerdter Krankenhaus gebracht, wo es eine provisorische Intensivstation für Opfer der Nebelzone gab. Sie wurden in zwei großen Krankensälen untergebracht und an Geräte zur künstlichen Beatmung und Ernährung angeschlossen. Ihre Körperwerte wurden von Batterien von Messgeräten aufgezeichnet, ohne dass diese Werte den Ärzten auch nur annähernd verständlich gewesen wären.
Am Abend des dritten Tages erhielt die Intensivstation „Nebelzone“ Zuwachs, als man die beiden Ruderer zu ihnen legte, die in Höhe der Stadt Wesel von ihrer im Rhein treibenden Rettungsinsel geholt worden waren. Auch diesen beiden Männern standen die Ärzte in Heerdt nur geringe Überlebenschancen zu.

Außer den zehn Patienten und dem Pflegepersonal hielten sich noch zwei weitere Personen in der Intensivstation „Nebelzone“ auf: Walter Kleerhaus, Hauptkommissar bei der Düsseldorfer Polizei und seine Einsatz-Partnerin Judith Perlohr, Beamtin aus dem Ordnungsamt der Stadt Düsseldorf. Die beiden Beamten hatten die Aufgabe, die Umstände und Hintergründe der Vorfälle mit den acht Unbekannten und den beiden Ruderern aufzuklären.

»Die Kamera des einen Ruderers schien noch halbwegs funktionsfähig zu sein«, sagte Walter Kleerhaus. »Hab sie zum Landeskriminalamt geschickt. Vielleicht kann das LKA den Film noch entwickeln.«
»Die KSL-Land wäre jedenfalls ganz heiß auf die Bilder. Wenn die beiden Ruderer tatsächlich Fotos im Inneren der Nebelzone gemacht haben, wäre das eine Sensation Dann wissen wir endlich, was da in Duisburg passiert ist«, antwortete Judith Perlohr. »Auch die Ausweise der anderen acht Anderen sind interessant. Einer kommt aus Ostfriesland, die anderen alle aus Duisburg ...«
»Was ist daran so interessant, Kollegin Perlohr?«
»Na ja; Duisburg und sein Umfeld sind seit über zwei Jahren von dieser Nebelzone bedeckt und plötzlich tauchen hier Leute auf, die aus Duisburg stammen …«, begann die dunkelhaarige Mittvierzigerin, aber der bullige Walter Kleehaus unterbrach sie mitten im Satz und winkte ab: »Hatten wir schon oft. Die Leute wollten einfach nach Hause, zu ihrer Familie. Im ersten Jahr haben es Hunderte versucht. Einige konnten wir noch lebend bergen - die meisten haben den Versuch mit ihrem Leben bezahlt. So wie wahrscheinlich auch die hier auf der Intensiv.«
»Von denen aber einer einen Ausweis bei sich hatte, der am 21. November 2012 verlängert worden ist«, sagte die Frau vom Ordnungsamt und hielt dem Polizisten einen der Personalausweise entgegen. »Und zwar von der Stadt Duisburg. Der Mann heißt Friedhelm Kohlschreiber und ist Anfang 60 …«
»Friedhelm Kohlschreiber? Moment! Doch nicht etwa der Dicke Fitti?« fragte der Hauptkommissar.
»Keine Ahnung. Dass er dick ist, steht hier nirgendwo. Aber am 21.11.2012 war die Stadt Duisburg schon längst in der Nebelzone verschwunden. Entweder haben die sich mit dem Datum vertan oder dieser Kohlschreiber war vor einem halben Jahr tatsächlich noch in Duisburg. Und das wäre eine Sensation …«
Judith Perlohr sah sich Beifall heischend zu ihrem Kollegen um, der doch war längst zu den Betten gelaufen und schaute sich die Patienten an.
»Hier ist er nicht!«
»Wer?«
»Der Dicke Fitti.«
»Kennst Du den Mann, Kollege?«
»Ist der Ausbilder meines Sohnes bei Thyssen gewesen. Gab immer Probleme.«
»Mit dem Ausbilder?«
»Nein. Mit meinem Sohn. Aber der Dicke Fitti hat den in den Griff gekriegt. Super Typ!«
»Dein Sohn?«
»Nein! Der Dicke Fitti natürlich. Habe den mehrmals zuhause besucht. Ein Bastler vor dem Herrn ...«
»Komm mal wieder runter Kollege. Ich habe was viel Wichtigeres. Dein Super-Fitti war vor einem halben Jahr noch beim Meldeamt seiner Heimatstadt. In Duisburg! In der Stadt, die seit über 2 Jahren unter einer Nebelglocke liegt. Undurchdringlich und für unsere fähigsten Wissenschaftler immer noch ein Rätsel. Verstehst Du, was ich sagen will, Kollege? Dieser Friedhelm Kohlschreiber kam von Innen! Er und die anderen Leute sind also nicht mit ihren Rädern in die Nebelzone eingedrungen und aus Spaß ein wenig am Rand der Nebelzone herumgekurvt, Kollege. Die kamen von Innen - aus Duisburg!«
»Typisch. Wenn´s einer geschafft hat, dann der Dicke Fitti«, grinste der Hauptkommissar und griff zu seinem Funkgerät. »Präsidium? Hier PHK Kleerhaus. Macht mir mal eine Verbindung zur KSL-Land. Ist wichtig. Sehr wichtig!«
Es klickte und eine Stimme meldete sich »Katastrophenschutzleitung Land«
»PHK Walter Kleerhaus, Polizei Düsseldorf. Ich bin hier im Krankenhaus Düsseldorf-Heerdt; in der Intensivstation für die Fälle aus der Nebelbank. Wir haben hier die acht Leute, die Eure Leute vor ein paar Tagen aus der Nebelzone geholt haben. Einen von ihnen kenne ich. Es ist ein gewisser Friedhelm Kohlschreiber und das Besondere an diesem Mann ist, dass er noch vor einem halben Jahr innerhalb der Nebelzone gewesen sein muss. Ich wiederhole: Innerhalb der Nebelzone! Die acht Leute sind also nicht so einfach am Burgplatz herumgekurvt, wie Ihr uns gesagt habt. Die kamen wahrscheinlich aus dem Zentrum der Nebelzone - aus Duisburg.«
Wieder klickte es in der Leitung und eine andere Stimme war zu hören: »Ralf Hunter hier; ich habe mitgehört. Bleiben Sie, wo Sie sind und holen Sie die Klinikleitung dazu. Wir kommen sofort rüber!«
»…Ja … wohl, Herr Minister«, stammelte Walter Kleerhaus und schluckte. Dann riss er sich zusammen und sprach eine der Schwestern an, die in der Intensivstation Dienst taten: »Informieren Sie bitte den Chefarzt und die Klinikleitung. Der Innenminister und die Leute der Katastrophenschutzleitung sind auf dem Weg hierher. Wie ich die kenne, per Hubschrauber.«

Zehn Minuten später war der Innenminister da! Ralf Hunter sprang aus dem Hubschrauber und stürmte in das das Innere des Krankenhauses. Walter Kleerhaus erwartete seinen höchsten Chef vor dem Zugang zur Intensivstation. Der Minister reichte dem Polizeibeamten die Hand und folgte ihm durch die Türe zur Intensivstation.
»Wo liegt der Dicke Fitti?« fragte Hunter und Walter Kleerhaus sah seinen Chef überrascht an: »Sie kennen Fitti?«
»Ja, Herr Kleerhaus. Ich habe vor meinem Abi ein Praktikum bei Thyssen gemacht und kenne den legendären Ausbildungsleiter von Thyssen.«
»Friedhelm Kohlschreiber liegt in der Intensiv B, Herr Minister«, sagte Judith Perlohr und stellte sich vor. Der Innenminister gab auch ihr die Hand und folgte ihr in den zweiten Saal der Intensivstation. An dem Bett am Fenster blieben sie stehen und Ralf Hunter beugte sich hinunter. Dann nickte er: »Ja, das ist Friedhelm Kohlschreiber, ohne Frage. Ein wenig abgemagert, aber immer noch der Richtige.«
Der Innenminister drehte sich um und sah das Klinikpersonal an: »Was sagen die Ärzte?«
»Tiefes Koma, aus dem man üblicherweise nicht mehr erwacht. Wie bei allen Menschen, die der unbekannten Strahlung in der Nebelzone längere Zeit ausgesetzt waren«, antwortete einer der Ärzte, auf dessen Kittel das Schild „Professor Dr. Stratmann“ angebracht war.
»Gibt es keine Chance, die Leute aus diesem Todeskoma zu holen, Professor Stratmann? Es wäre ungeheuer wichtig. Wenigstens einen …«
Der Chefarzt schüttelte den Kopf: »Wir haben wirklich alles versucht, Herr Minister. Bei den Acht und auch bei den Beiden hier, die es mit dem Ruderboot versucht haben, Waning und Bornemann. Wir hielten die Beiden für halbwegs immun und sie sind stundenlang am Rand der Nebelzone herumgerudert, bis sie sich auf den Weg gemacht haben. Aber jetzt liegen sie genauso im Sterben, wie die acht Anderen. So traurig es ist, aber manchmal gelangt die Medizin an ihre Grenzen - insbesondere, wenn sie nicht einmal weiß, welcher Art von Strahlung die Menschen ausgesetzt waren.«
»Also keine Chance?« fragte der Minister und der Chefarzt schüttelte den Kopf: »Nein.«



(Fortsetzung folgt)

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Nachdem die üblichen Mittel versagt haben, dem Geheimnis des Nebelfeldes an der Ruhrmündung auf die Spur zu kommen, greift man jetzt zu altbewährten Mitteln ...


8. Untertage



Zeche Zollverein, Essen:

Die drei Freiwilligen der ehemaligen Grubenwehr der Zeche Walsum warteten ungeduldig, dass sich das schwere Gitter endlich hob, das ihnen den Zugang zum Förderkorb öffnen würde. Für Paul Kowalski, Hannes Vorbeck und Gustav Wohlgemuth war es das erste Mal seit der Stilllegung ihrer Heimatzeche, dass sie wieder in ein Bergwerk einfuhren - auch wenn es, wie in diesem Fall - nur eine stillgelegte Zeche war. Aber „auf Zollverein“, wie der Bergmann zu sagen pflegte, gab es einen aktiven Schacht, der für Wartung der in der Schachtsohle permanent laufenden Grubenpumpen befahren werden konnte. Und was noch wichtiger war: Von dort aus gab es noch begehbare Stollen in jede Richtung und auch eine unterirdische Verbindung zur früheren Zeche Oberhausen, die wiederum mit der bis 2008 noch produzierenden Zeche in Duisburg-Walsum verbunden war.
Sollten die uralten Stollen der schon lange stillgelegten Zeche Oberhausen noch begehbar sein - was niemand wusste - dann könnte es vielleicht möglich sein, die seltsame und seit Jahren undurchdringliche Nebelzone in mehreren hundert Metern Tiefe zu unterwandern und zu den in der Nebelzone eingeschlossenen Menschen in Duisburg vorzudringen.
Für diese Aufgabe hatte die Katastrophenschutzleitung Freiwillige mit Erfahrungen im Bergbau gesucht und in Paul Kowalski und seinen Freunden gefunden.

Gustav Wohlgemuth schob seinen Helm in den Nacken und sah auf seine Uhr: »Die Bewetterung läuft jetzt 16 Tage und dürfte die letzten Reste von Grubengas inzwischen weggeblasen haben. Ich mein, wir könnten so langsam.«
Paul Kowalski nickte seinem Freund zu und sah zu Hannes Vorbeck hinüber, der ebenfalls nickte. Dann wandte er sich zu Fritz Kohlmeyer um, der hinter ihnen stand und die Funkverbindung zu den Maschinisten im Förderturm hielt. Der „Olle Fritz“, wie die Drei ihren alten Freund manchmal nannten, griff zum Funkgerät und sprach hinein: »Wir sind soweit. Lass den Förderkorb kommen.«

Manch ein älterer Anwohner mag sich jetzt verwundert umgedreht haben, als ein längst vergessen geglaubtes Geräusch durch die Nachbarschaft der Zeche Zollverein drang - ein Geräusch, das entstand, wenn sich die mächtigen Räder des Doppelbock-Fördergerüstes der Zeche drehten - und das taten sie normalerweise nur, wenn die Wartungsmannschaft in die Tiefe musste, um die Pumpen instand zu setzen, die dafür sorgten, dass die Stollen und Schächte der alten Zeche nicht voll liefen.
Doch heute fuhr nicht die Wartungsmannschaft in die Tiefe sondern eine kleine Gruppe erfahrener Bergleute, die versuchen wollten, in der Tiefe nach Westen vorzudringen - bis in die Nebelzone bzw. darunter, wo die gefährliche Strahlung nach Meinung der Wissenschaftler ihre Wirkung verloren haben könnte.

Das mächtige Gitter des Förderkorbes schob sich jetzt hoch und Paul Kowalski schaute auf das schwere Einsatzfahrzeug der Grubenwehr und die anderen Ausrüstungsgegenstände, die die Techniker der Zeche für sie bereitgestellt hatten: Lampen mit Ersatzakkus, Atemgeräte, Werkzeug und Verpflegung. Paul nickte: »Scheint alles da zu sein, Fritz«, und trat zusammen mit seinen Freunden in den riesigen Förderkorb. Die drei setzten ihre Atemmasken auf und nickten dann. Das Gitter kam herunter und der Förderkorb setzte sich in Bewegung.
»Glück auf, Freunde!« rief ihnen der Olle Fritz noch hinterher, aber sie hörten es nur noch schwach, weil der Transportkorb mit irrwitzigem Tempo in die Tiefe schoss.

*


Nachdem der Förderkorb die 12. Sohle in rd. 600 Metern Tiefe erreicht hatte, schob Gustav Wohlgemuth das Gitter hoch und ging im Licht seiner Helmlampe zu den großen Schaltkästen an der Seitenwand. Dort öffnete er einen Schrank und schob einen schweren Hebel nach unten. Das vordere Bereich der Sohle und die angrenzenden Gänge wurden hell. Als Nächstes wandte er sich einem Messgerät zu, das er an seinem Arm befestigt hatte. Er schien zufrieden zu sein, denn er nahm die Atemmaske ab und sagte: »Die Luft ist gut. Wir können.«
»Sehr gut«, sagte Paul Kowalski, nachdem er seine Atemmaske ebenfalls abgenommen hatte. »Aber damit eines klar ist, Freunde: Bei ersten Anzeichen von Kopfschmerzen oder Übelkeit kehren wir um. Wenn also einer was merkt, dann gibt er Laut, verstanden?«
»Geht klar!« sagte Hannes Vorbeck und auch Gustav Wohlgemuth nickte.

Nachdem sie ihre Ausrüstung in dem Einsatzfahrzeug verstaut hatten, schwang Paul Kowalski sich in den vorderen Sitz des Einsatzfahrzeuges; Hannes Vorbeck und Gustav Wohlgemuth quetschten sich in die beiden dahinter angebrachten Bänke. »Dass die die Dinger immer noch so eng bauen müssen«, knurrte Gustav Wohlgemuth ärgerlich, doch der schlanke Hannes Vorbeck konterte sofort: »Nicht die Lok ist eng gebaut, sondern Du bist jetzt was breiter, alter Freund. Der Einsatzwagen ist so breit wie immer.«
»Mal sehen, wie weit wir mit dem Fahrzeug kommen«, sagte Paul Kowalski und ließ das batteriegetriebene Fahrzeug vorsichtig aus dem Förderkorb hinaus auf das Gleis in der Sohle rollen.
»Im Idealfall bis zum Durchschlag zur Zeche Oberhausen. Was dahinter kommt, weiß keiner«, antwortete Gustav Wohlgemuth.
»Gut, dass Du noch in den Achtzigern hier auf Zollverein gearbeitet hast und von der Verbindungstrecke zur alten Zeche Oberhausen wusstest«, sagte Hannes Vorbeck. »Auf den Karten ist die nicht verzeichnet gewesen.«
»Offiziell gab´s die schon lange nicht mehr, aber die Grubenwehr muss immer ein paar Trümpfe in der Hinterhand haben, Hannes«, antwortete der beleibte Endfünfziger. »Bei einem großen Bruch in der Weststrecke wären wir notfalls über einen Wetterschacht in Oberhausen reingegangen und hätten die Leute rausgeholt.«

2 Stunden später:

Mehr als 10 Kilometer waren die Drei jetzt über alte Gleise gerumpelt, hatten wegen plötzlicher Hindernisse das eine oder andere Mal anhalten müssen und hatten auch manchmal nur sehr langsam fahren können, weil die Beleuchtung im Stollen über Hunderte von Metern ausgefallen war. Trotzdem waren sie einigermaßen gut vorangekommen. Bis jetzt zumindest, denn vor ihnen endete der Schacht der Essener Zeche Zollverein und irgendwo dahinter begann das unbekannte Terrain der Zeche Oberhausen - einer Zeche, die bereits 1931 stillgelegt worden war …

»Spürst Du schon irgendwas?« fragte Hannes Vorbeck seinen alten Freund Paul Kowalski, nachdem sie angehalten und aus dem Einsatzfahrzeug ausgestiegen waren.
»Nein, Hannes. Keine Kopfschmerzen oder so. Nur ein wenig Schmerz hier drinnen«, Paul zeigte auf sein Herz, »ich war verdammt gerne Bergmann.«
»Wir beide auch, Paul. Das weißt Du«, sagte der hagere Hannes Vorbeck und bezog seinen Freund Gustav Wohlgemuth in die Antwort mit ein.
Paul Kowalski sah zur Decke des Stollens hoch: »Ob wir die Feldgrenze schon erreicht haben, Gustav?«
»Glaube ich nicht, Paul. Hier drüber ist zwar schon Oberhausen, aber die Nebelzone beginnt erst später. Etwas östlich der Stadtmitte. Noch zwei Kilometer, schätze ich.«
»Und wo geht es zu diesem Verbindungsstollen?« fragte Hannes Vorbeck. Gustav Wohlgemuth zeigte auf eine Stahltür rechts neben ihnen: »Dahinter ist die Schleuse.«
»Schleuse?«
»Ja. Eine mechanische Doppeltür. Die hintere Türe geht nur auf, wenn die vordere Türe zu ist. Das muss so sein. Sicherheitsgründe.«
»Aha«, knurrte Paul Kowalski. »Ich geh zuerst.«
»Wirst Du nicht, oller Draufgänger«, widersprach Gustav Wohlgemuth und tippte auf sein Handgelenk, »denn ich habe das Messgerät für die Luftqualität.«
»Was machen wir eigentlich, wenn der Oberhausener Stollen nicht mehr begehbar ist?« fragte Hannes Vorbeck. Gustav Wohlgemuth drehte sich um und sagte: »Dann versuchen wir es von Kamp-Linfort aus. Dort gab es auch eine Verbindung zur Walsumer Zeche. Leider ist der Stollen unter dem Rhein teilweise eingestürzt und müsste erstmal geräumt werden. Aber ich habe ein gutes Gefühl, dass wir über Oberhausen reinkommen.«

Während sich Gustav Wohlgemuth mit einem schweren Schraubenschlüssel an der Stahltüre zum Verbindungsstollen zu schaffen machte, schoben Paul Kowalski und Hannes Vorbeck das schwere Einsatzfahrzeug auf die am Schachtende eingebaute Drehscheibe und wendeten es. Danach setzten sie sich auf die Ladefläche des Grubenfahrzeugs, das eigene Werkzeug griffbereit, um ihrem Freund bei auftretenden Schwierigkeiten sofort beistehen zu können.

Gustav Wohlgemuth löste die großen Sperrschrauben und bewegte die beiden Hebel, die die Türe an ihren Rahmen gepresst hatten. Bevor er weitermachte, setzte er seine Atemmaske auf und bereitete das Sauerstoffgemisch vor. Dann zog er die Tür vollends auf und trat in den kleinen Raum dahinter. Mit einem lauten Knarren zog er die Türe hinter sich zu. Kurze Zeit später hörten die beiden anderen Männer ihren Freund Gustav im Inneren der Schleuse vor sich hin werkeln ..., und fluchen. Zehn Minuten später öffnete sich die vordere Türe erneut und Gustav Wohlgemuth kehrte zurück.
»Geschafft! Jetzt müssen wir die Schleuse überbrücken, damit wir drinnen frische Luft haben. Dahinter ist zwar kein Grubengas, aber das muffelt da drin dermaßen …; nicht auszuhalten!«

Gemeinsam schafften sie es innerhalb von 20 Minuten, das Stangensystem der mechanischen Schleuse zu demontieren. Sie öffneten beide Türen und blockierten sie. Dann zogen sie sich einige Meter an das Ende des Essener Schachts zurück, weil der Luftzug an den Türen sehr stark war.

»Was erwartet uns dahinter, Gustav?« fragte Paul seinen Freund und Kollegen, während sie warteten. Gustav Wohlgemuth antwortete: »Das Bergwerk Oberhausen wurde schon 1931 stillgelegt und an die GHH, die „Gute-Hoffnungs-Hütte“ verkauft. Die GHH nutzte das alte Bergwerk auf ganz ungewöhnliche Weise: In 609 m Tiefe auf der 7. Sohle - also etwa auf der gleichen Höhe, in der wir uns hier befinden - richtete sie ein Schaubergwerk ein und Deutschlands tiefstgelegenes Kino. Das Ganze blieb bis 1958 bestehen. 1959 war endgültig Schicht im Schacht.«
»Und dieses Kino?«
»Müsste am Ende des Stollens liegen, der hinter dieser Türe beginnt. Vielleicht zwei oder drei Kilometer.«
»Und damit innerhalb der fraglichen Zone …?« fragte Hannes Vorbeck. Gustav Wohlgemuth nickte: »Ganz bestimmt. Wenn wir es bis zum Kino schaffen, sind wir unterhalb des Bereichs, der oben von der Nebelzone bedeckt ist.«

*


Sie brauchten knapp zwei Stunden bis in den breiten Stollenteil, der vor mehr als einem halben Jahrhundert als Deutschlands tiefstgelegenes Kino bekannt gewesen war.
Von der Einrichtung des Kinos war fast nichts mehr vorhanden. Im schwachen Licht ihrer Handlampen konnten die Drei nur noch einige alte Emaille-Schilder an den Wänden erkennen. „NICHT RAUCHEN“ stand dort und „BITTE SITZEN BLEIBEN“. Das Schild „AUSGANG“ zeigte nach vorne, ebenso „TOILETTE“, während der Pfeil „NOTAUSGANG“ in die Richtung zeigte, aus der sie gekommen waren.
»Hier ist der Film schon lange zu Ende; folgen wir also den Schildern zum Ausgang«, lachte Paul Kowalski. Der Zentralschacht ist gleich vor uns. Von dort aus geht es Richtung Walsum. Der Stollen trägt den Namen „Gunhilde“, soweit ich weiß.«
»Und woher weißt Du?« fragte Gustav Wohlgemuth.
»Bergbaumuseum Bochum. Bibliothek«, antwortete Paul Kowalski.

Sie fanden die Stollenmündung mit dem Schild „Gunhilde“ nach kurzer Suche in der dom-artigen Halle, in die der Zentralschacht der alten Zeche Oberhausen mündete.
»Kurze Beratung«, schlug Gustav Wohlgemuth vor und seine beiden Kumpel traten an ihn heran. »Die Kapazität der Akkus unserer Lampen reicht ab jetzt noch für gut 4 Stunden Licht. Zwei Stunden Licht brauchen wir für den Rückweg und noch mal eine Stunde, falls die Elektrik auf Zollverein zwischenzeitlich ausgefallen sein sollte. Wenn wir wollen, können wir jetzt noch eine halbe Stunde Richtung Duisburg marschieren, um herauszufinden, ob die Symptome der Nebelzone hier unten tatsächlich nicht auftreten. Mir geht es jedenfalls gut. Keine Kopfschmerzen oder so.«
»Ich habe auch keine Kopfschmerzen und schlecht ist mir auch nicht«, knurrte Paul Koslowski. »Ich auch nicht«, sagte Hannes Vorbeck, »nur meine Füße …; sobald wir wieder im Stol-len von Zollverein sind, ruf ich mir ein Taxi.«
»Also los«, sagte Gustav Wohlgemuth und marschierte in den Stollen mit dem schönen Na-men „Gunhilde“ hinein. Seine beiden Freunde folgten ihm.

*


Die Frauen im Fotolabor des Landeskriminalamtes hatten wieder einmal „gezaubert“: Trotz enormer Verschmutzung der Kamera hatten die erfahrenen Laborantinnen den Kleinbildfilm aus der Kamera der beiden Ruderer weitgehend retten können. Zum Glück war die Filmrolle nur am Anfang verdreckt gewesen; der „hintere“, innere Teil des Kleinbildfilmes war unbeschädigt gewesen und hatte normal entwickelt werden können.
Hanika Melsungen, die gelernte Foto-Laborantin und Fotografin, legte den getrockneten Negativstreifen auf den Scanner und sicherte zuerst eine Kopie für der Datenbank des LKA, ehe sie den Streifen in den Vergrößerungsautomaten schob, um die ersten Abzüge zu machen.

Zwanzig Minuten später waren die Papierabzüge trocken und Hanika Melsungen konnte einen ersten Blick auf die Fotos werfen.
»Das sieht mir aber gar nicht nach dem Duisburger Hafen aus«, sagte sie leise und nahm eine Lupe zur Hand. »Ganz und gar nicht. Reni…«, sie wandte sich an ihre Kollegin, die an einem anderen Tisch arbeitete. »Ruf mal die Chefs an. Die sollen rüber kommen und sich das hier ansehen.«
»Warum schickst Du die Fotos nicht einfach auf die Reise. Als „Farbkopie sofort / Papier folgt“. Der Krisenstab ist bestimmt neugierig, was die beiden Ruderer da fotografiert haben«, antwortete Reni Walther.
»Zu viele Augen auf dem Weg dahin, Reni. Wenn Du Dir die Fotos ansiehst, dann weißt Du, was ich meine.«
Reni Walther ging zu ihrer Kollegin hinüber, nahm einen der DIN A4-großen Abzüge in die Hand und verstand …

*


»Kuppeln ..., im Duisburger Hafen«, sagte der Staatssekretär des Wissenschaftsministeriums, der die Duisburger Hafengegend ein wenig kannte, seit er vor einigen Jahren Gespräche über einen Ankauf des Bundesanteils am Duisburger Hafen durch das Land Nordrhein-Westfalen geführt hatte. »Grau-Grüne Kuppeln. Riesig und ineinander übergehend. Auch nördlich der Ruhr - da wo der Thyssen-Komplex sein müsste. Ich weiß nicht, was das da ist …«, der Staatssekretär zeigte auf die Fotos an der Tafel, »… aber das ist jedenfalls nicht Duisburg!«
»Ich weiß, Scheuermann, ich weiß«, sagte der Minister leise, »ich kenne die Gegend auch ganz gut, denn ich stamme ja von dort. Im Übrigen …,« er stand auf und sah in die Runde, »können wir froh sein, dass die Leute vom Fotolabor so clever waren, die Bilder der Ruderer nicht einfach an den Katastrophenschutz zu schicken. In Hilden wimmelt es von Presseleuten. Nicht auszudenken, wenn das bekannt würde …« Innenminister Hunter sah den Chef des Landeskriminalamtes an: »Scheffer, das muss vorerst unter der Decke bleiben, bis wir eine Erklärung für diese Phänomen haben. Verpflichten Sie Ihre Leute zu absolutem Stillschweigen.«
Bodo Scheffer, der Direktor des LKA nickte: »Jawohl, Her Minister.«
»Und nun zu Ihnen, Scheuermann. Die Wissenschaftler Ihres Hauses werden eine Antwort auf die Frage finden müssen, warum in der Nebelzone nicht Duisburg liegt, sondern etwas völlig Fremdes. Etwas, von dem wir erst jetzt erst erfahren, dass es da ist. Und an das wir nicht herankommen.«
»Es gäbe da vielleicht eine Möglichkeit«, unterbrach ihn Walter Eschede, der Chef der Katastrophenschutzleitung. »Ich habe gerade eine Mail bekommen, nachdem es drei Bergleuten gelungen sein soll, unter Tage bis in die Region vorzustoßen.«
»Unter Tage? Interessante Idee. Wie weit sind sie gekommen?« fragte Ralf Hunter.
»Etwa bis Obermeiderich …, ungefähr. Allerdings in 600 Metern Tiefe«, antwortete der Staatssekretär. »Aber ohne Kopfschmerzen und Übelkeit. Die Männer sind wohlauf.«


(Fortsetzung folgt)

Dieser Beitrag wurde 2 mal editiert, zum letzten Mal von Bully: 21.10.2013 08:47.

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Die Menschen des Jahres 2013 haben endlich eine Möglichkeit gefunden, den geheimnisvollen Kuppeln im Zentrum der tödlichen Nebelzone nahe zu kommen. Was da untertage abläuft ist ...


9. Ganz großes Kino



Klaus Stratmann hatte sich mit seiner Tageszeitung und der dritten Tasse Kaffee auf der Veranda seines kleinen Zechenhauses in Essen-Katernberg bequem gemacht und lächelte seiner Frau hinterher, die mit ihrem Kleinwagen grade das Grundstück verließ, um zur Arbeit zu fahren. Die dunkelhaarige Karin Stratmann war Lehrerin an der Grundschule in Katernberg und Klaus Stratmann wusste, dass seine Frau ihren Beruf liebte.
Diese Liebe zum Beruf war es auch, warum Karin Stratmann seinerzeit nicht auch aufgehört hatte, nachdem ihr Mann nach der Stilllegung der Zeche Kamp-Linfort zum Frührentner geworden war. Karin Stratmann hatte kurz überlegt, aber schließlich hatten verschiedene Argumente sie überzeugt, weiterhin als Lehrerin tätig zu sein - nicht nur das gute Einkommen in der Besoldungsgruppe A12. Allerdings garantierte dieses Geld ihr ihre finanzielle Unabhängigkeit und sicherte gleichzeitig, zusammen mit der recht guten Rente ihres Mannes, ihren gehobenen Lebensstandard.

Nachdem das Auto seiner Frau um die nächste Ecke gebogen war, griff Klaus Stratmann in die Brusttasche seines Hemdes und holte das orangene Päckchen mit den filterlosen Overstolz heraus. Er nahm eine Zigarette und steckte sie an. Dann genoss er die ersten Züge, trank einen Schluck Kaffee und widmete sich wieder seiner Zeitung.
Er hatte gerade mal den Sportteil durch, als das Telefon klingelte. Klaus Stratmann erhob sich, ging ins Haus und nahm den Hörer ab: »Stratmann.«
»Spreche ich mit dem Diplom-Ingenieur Klaus Stratmann, zuletzt Obersteiger im Bergwerk Kamp Linfort?« fragte eine Stimme.
»Wer will das wissen?« fragte Klaus Stratmann mürrisch und war bereit, sofort wieder aufzulegen, wenn das wieder einer dieser nervigen Reklameanrufe sein sollte.
»Hier spricht Regierungsdirektor Alfred Stahlhans vom Bergamt bei der Bezirksregierung in Arnsberg. Herr Stratmann, wir brauchen Ihre Hilfe …«
Klaus Stratmann spürte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten und seine Anspannung wuchs.

Alfred Stahlhans hatte an diesem Tag nicht nur Klaus Stratmann angerufen, sondern auch andere ehemalige Führungskräfte des Bergbaus, deren Personaldatenblätter allesamt noch im Bergamt verwahrt worden waren.
Allen Personen hatte Stahlhans bislang nur gesagt, dass man ihre spezielle Hilfe benötige, dies aber am Telefon nicht besprechen könne und deshalb ein Treffen in der Kantine der alten Zeche Zollverein notwendig wäre. Das Treffen sollte schon am gleichen Tag stattfinden und zwar um 17 Uhr.

*


Zeche Zollverein, 16:50 Uhr:

Als Klaus Stratmann die Kantine betrat, sah er gleich mehrere bekannte Gesichter. Er ging auf die Männer zu und begrüßte sie.
»Die Elektrik ist also auch gekommen«, begrüßte ihn ein dicklicher kleiner Mann mit runder Brille lächelnd. Klaus Steinmann grinste: »Aha, die Transportlogistik ist auch schon da. Und die Wetterexperten und die Maulwürfe. Was will das Bergamt? Eine neue Zeche aufmachen?«
»Niemand hat eine Ahnung«, sagte ein hagerer Mann, etwa Mitte 50. »Ich bin übrigens Hans Klowock, Funktechnik.«
»Klaus Stratmann, Elektro«, entgegnete Klaus und setzte sich neben Hans Klowock.
»Das Bergamt hat uns alle gestern und heute angerufen«, sagte Klowock. »Man braucht unsere Hilfe, will aber am Telefon nichts sagen.«
»Ist schon komisch …«, sagte Klaus Stratmann, wurde aber von Fritz Lehmkühler, einem alter Freund aus gemeinsamen Universitätszeiten, unterbrochen: »Kennst Du übrigens die drei Männer da hinten, Klaus?«
Klaus Stratmann sah sich um und musterte die drei Männer: »Kann sein, dass ich einen von denen schon mal gesehen habe. Ich meine, das wäre auf einem Eurer Fortbildungslehrgänge in Walsum gewesen. Bist Du immer noch Dozent da?«
Fritz Lehmkühler wollte gerade antworten, als zwei Leute die Kantine betraten. Ein schlaksiger Mittvierziger und ein jüngerer Mann mit langem Haar, das zu einem Zopf gebunden war, betraten den Raum. Die Gespräche verstummten und der Schlaksige stellte sich in die Mitte der Kantine. Er zog einen Dienstausweis aus seiner Jackentasche und hielt ihn den Anwesenden entgegen. Dann begann er: »Schön dass Sie gekommen sind. Mein Name ist Alfred Stahlhans und das, was ich ihnen gleich sagen werde, ist so vertraulich, dass ich Sie leider bitten muss, zuerst bei meinem Kollegen eine Verschwiegenheitsverpflichtung zu unterzeichnen, ehe Sie mehr erfahren können. Dies ist leider unabdingbar, aber Sie werden verstehen, dass wir vorsichtig sein müssen, sobald Sie wissen, worum es geht.«
Kaum dass Stahlhans geendet hatte, ging sein Kollege herum und reichte jedem Anwesenden ein Papier, das die Überschrift „Verschwiegenheitsverpflichtung“ trug.
»Lesen Sie sich das in Ruhe durch. Mein Kollege wird Ihnen gern Ihre Fragen beantworten«, sagte Stahlhans. »Wer das nicht unterzeichnen möchte, der kann sein Bier gerne zu Ende trinken. Er war unser Gast und seine Unkosten werden ihm von meinem Kollegen erstattet. Wer jedoch unterschrieben hat, der kommt bitte zu mir; wir werden dann in einen anderen Raum umziehen.«

Bis auf die drei Männer am Seitentisch hatten alle Eingeladenen unterschrieben. Alfred Stahlhans schien nichts anders erwartet zu haben und öffnete eine Türe im hinteren Bereich der Kantine. »Hier hinein bitte.«
Klaus Stratmann, Hans Klowock und die anderen ehemaligen Bergleute folgten dem Mann vom Bergamt in das Hinterzimmer. Sie kamen in einen Raum mit einer sehr eleganten Einrichtung. »Das Assessorenzimmer«, raunte irgendeine Stimme und Alfred Stahlhans nickte: »Ganz recht. Das hier ist das alte Assessorenzimmer der Bergassessoren der Zeche Zollverein, wo auch ich meine ersten Berufsjahre verbracht habe. Nehmen Sie bitte Platz. Es geht um Folgendes:

Wie Sie alle wissen, verschwand die Stadt Duisburg und Teile von Oberhausen und Mülheim vor gut zwei Jahren in einer undurchdringlichen Nebelzone und alle Kontakte zu dieser Region sind seit dieser Zeit abgebrochen. Alle Versuche, mit Fahrzeugen, Flugzeugen oder zu Fuß nach Duisburg vorzudringen, sind gescheitert, weil das Nebelfeld sämtliche elektrischen Geräte blockiert und alle Menschen, die sich innerhalb der Nebelzone aufhalten, infolge starken Kopfschmerzen und Übelkeit nach kurzer Zeit handlungsunfähig werden.
Seit vorgestern gibt es jedoch neue Erkenntnisse, die ein völlig anderes Bild der Situation zeichnen und die sofortiges Handeln erfordern. Diese Erkenntnisse beruhen auf Fotos, die zwei Freiwillige gemacht haben, denen es gelang, die Nebelzone auf dem Rhein mit einem Ruderboot zu durchqueren. Diese Bilder zeigen im Kern der Nebelzone nicht etwa die Gebäude und Hafenanlagen der Stadt Duisburg sondern etwas unsagbar Fremdes: Riesige Grün-graue Kuppeln, die bis an das Rheinufer reichen und ineinander übergehen.«
»Waren auf der linken Rheinseite auch Kuppeln?« fragte Hans Klowok.
Der Beamte des Bergamtes antwortete: »Wir wissen es nicht und die Ruderer können nicht befragt werden. Leider haben die beiden Männer ihren Einsatz mit dem Verlust ihres Gedächtnisses bezahlt und liegen im Koma.«
»Und was können wir in dieser Sache tun?« fragte Klaus Stratmann.
»Vor wenigen Tagen ist es drei Bergleuten gelungen, unter Tage bis nach Obermeiderich vorzudringen, ohne dass die gefürchteten Effekte der Nebelzone - also Kopfschmerzen und Übelkeit - auftraten. Den drei Männer geht es gut und …«
» … sie sitzen draußen«, mutmaßte Klaus Stratmann.
Der Beamte des Bergamtes lachte: »Ja, Paul Kowalski, Hannes Vorbeck und Gustav Wohlgemuth ist es gelungen, über den Weststollen der Zeche Zollverein bis zu den alten Stollen der Oberhausener Zeche vorzudringen und von dort durch den Stollen Gunhilde noch fast drei Kilometer Richtung Walsumer Zeche, wo sie umkehren mussten, weil die Kapazität ihrer Akkus zur Neige ging - und nicht, weil die Lampen ausfielen oder die gefürchteten Symptome der Nebelzone auftraten. Kowalski, Vorbeck und Wohlgemuth wurden nach ihrer Rückkehr medizinisch untersucht; sie haben ihren Ausflug unter die Nebelzone ohne Komplikationen überstanden.«
»Angeblich fällt doch auch sämtliche Technik aus, wenn man sich in der Nebelzone befindet. Wie ist es damit?« fragte Klaus Stratmann.
»Die drei Männer haben nichts davon bemerkt. Ihre Akkulampen haben jedenfalls auch bei der größten Annäherung noch funktioniert«, antwortete der Mann vom Bergamt und fuhr fort:
»Die Leitung des Katastrophenschutzes, in deren Namen ich hier spreche, vermutet, dass die Symptome des trockenen Nebels unter Tage nicht auftreten oder nicht so stark. Se plant daher, eine Sondereinheit der Polizei durch die alten Stollen zu schicken, die versuchen soll, über den Schrägschacht Westende oder den Wetterschacht Walsum-Süd in das Zentrum des Nebelfeldes zu gelangen bzw. zu den Kuppeln auf den Fotos. Von uns wird erwartet, dass wir dafür sorgen, dass die Stollen sicher passierbar sind und die eingesetzten Polisten in bergmännischem Verhalten geschult werden.«
»Das Letztere wäre ja dann wohl meine Aufgabe«, sagte Fritz Lehmkühler.
»Ja. Die drei Bergleute, die bereits vor Ort waren, werden Sie dabei unterstützen«, bestätigte Alfred Stahlhans. Dann wandte er sich der Gruppe um Klaus Stratmann zu: »Was wir von der Technik brauchen, ist einen hohe Schachtsicherheit, eine sichere Bewetterung und eine funktionierende Beleuchtung auf der gesamten Strecke, einschließlich Oberhausen. Auf die Altanlagen in Oberhausen und im Schacht Gunhilde kann dabei nicht zurückgegriffen werden - die Technik ist völlig verrottet oder fehlt ganz. Für die Durchführung der Arbeiten können Sie auf die bekannten Fachfirmen zurückgreifen, denen Sie bitte auf Nachfrage erklären, dass das Ganze ein eiliges Projekt im Rahmen der „Route der Industriekultur“ sei.«
»Ich hätte lieber ein paar gute Handwerker aus dem Personalbestand der noch laufenden Zechen«, warf Klaus Stratmann ein. »Einige von denen haben noch auf Zollverein gelernt und kennen sich da unten gut aus.«
»Können Sie haben, Stratmann. Machen Sie uns eine Liste und morgen stehen Ihnen die Leute zur Verfügung.«
»Schon Morgen?« fragte Hans Klowock. Der Mann vom Bergamt nickte: »Seit sie die Fotos der fremdartigen Kuppeln gesehen haben, sind die Führer von Politik und Wissenschaft hochgradig nervös. Sie wollen Antworten; koste es, was es wolle - und so schnell, wie möglich.«
»Ich ruf dann gleich mal meine Frau an«, knurrte Hans Klowock, »sie soll meinen alten Henkelmann wieder aktivieren - so schnell wie möglich.«

*


Essen-Stoppenberg, nächster Vormittag:

Wie jeden Morgen nach dem Frühstück strich Paul sein blütenweißes und frisch gebügeltes Unterhemd glatt, öffnete das Fenster, legte das Kissen auf das Fensterbrett und lehnte sich hinaus. Vor dem Fenster, auf dem Bürgersteig vor ihm, schob sein Nachbar Fritz gerade seinen neuen Rollator über das schiefe Pflaster. Paul sprach ich an: »Moin Fritz. Wo geh´ze?«
»Aldi. Billig Pantoffeln.«
»Ist klar. Und sonst?«
»Nix.«
»Wat macht die Pumpe?«
»Hab ja jetzt so´n Schrittmacher, Paul. Geht so. Und Du? Deine Lunge?«
»Ich werd wohl bald weg sein, vom Fenster, Fritz. Verfluchte Staublunge.«
»Ja ja, der Pütt …, mach et gut, Paul.«
»Du auch, Fritz.«

Paul Höffkes drehte sich zu seiner Frau um, die hinter ihm im Wohnzimmer bügelte: »Der alte Fritz ist nach Aldi. Die haben da Pantoffeln im Angebot. Brauchst Du nich auch noch welche, Schatzi?«
»Meine tun es noch, Paulemann. Ich brauch keine«, antwortete seine Frau und wollte gerade weiterreden, als ein lautes Quietschen die morgendliche Ruhe des Essener Stadtteil Stoppenberg durchdrang.
Paul Höffkes sah überrascht auf und sagte: »Wat is dat denn? Ich glaub et nich. Kuck Dich dat an, Erna-Schätzchen.«
»Wat ist denn?« fragte Erna Höffkes und stellte das Bügeleisen ab. Sie kam ans Fenster.
Paul Höffkes hob seinen Arm und zeigte auf den Förderturm des historischen Bergwerks Zollverein: »Der Doppelbock läuft.«
»Tut er doch schon mal. Wenn die Jungs von der Pumpenmannschaft einfahren. Der Bernie war auch schon mal unten.«
»Das machen die mit dem unteren Rad. Jetzt läuft auch das andere Rad. Die haben einen zweiten Förderkorb eingehängt, den Großen.«
»Warum sollten se dat tun, Paul?« fragte Erna Höffkes.
»Ich weiß et nich, Erna. Ich geh mal kucken.«
»Mach dat, Paul.«

Zwanzig Minuten später erreichte der ehemalige Hauer Paul Höffkes seine frühere Arbeitsstelle. Er blieb einige Meter vor dem Tor stehen. Um ihn herum gingen die Menschen ihrer Wege. Die Jüngeren zur Schule oder zur Ausbildung und die Älteren zur Arbeit oder zum Arbeitsamt, aber Paul Höffkes nahm es nicht wahr. Er hatte nur Augen für seine ehemalige Zeche, an dessen Förderschacht sich jetzt Maschinen, Material und Menschen drängelten.

*


Ehemaliges Untertage-Kino, Zeche Oberhausen, eine Woche später:

»Ganz großes Kino, was hier abläuft«, lachte Dr. Thorsten Kringe und warf seinem ehemaligen Studienkollegen einen anerkennenden Blick zu. »Und das alles in ein paar Tagen.«
»Mit guten Leuten und ein paar Euros im Rücken kann man ne Menge erreichen«, antwortete Klaus Stratmann.
»Du untertreibst, Klaus. Ihr habt die Bewetterung bis nach Gunhilde fertig und die komplette Beleuchtung. Außerdem ist die Gleisanlage im Weststollen renoviert und bis nach hier verlängert. Schon fast im Minutentakt kommt hier neues Material an. Auch meine Ausrüstung wird in zwei Stunden da sein. Aber warum gerade hier?«
»Hier ist mehr Platz, als im Schachtfuß der alten Oberhausener Zeche. Hier passt Deine Sanitätszentrale rein und der Pausen- und Aufenthaltsraum. Außerdem die Leitstelle für den Einsatz des Polizeikommandos.«
»Mit welcher Art Erkrankungen rechnet Ihr hier?« fragte der Grubenarzt seinen Freund.
»Die üblichen Bergbauunfälle und das, was von diesem seltsamen Nebelfeld ausgeht.«
»Deswegen war ich gestern noch in dem Krankenhaus in Heerdt. Ich habe mit meinen Kollegen gesprochen; die Leute leben noch, aber sie werden wohl nie wieder wach werden.«
»Schlimm«, murmelte Klaus Stratmann, sah auf seinen Notizzettel und zeigte nach links: »Deine Station kommt übrigens hier hin. Die Betten entlang der Wände, dann der Aufenthaltscontainer für Dich und die Pfleger und dann der Not-OP.«
»Direkt neben dem alten Schild „Notausgang“. Wie passend«, knurrte Dr. Kringe und trat zur Seite, um einen Kleincontainer mit Lampen vorbeizulassen.
Er setzte sich auf einen Hocker und sagte: »Weiß Du, was seltsam ist, Klaus. Gestern, in Heerdt, da haben sie mir einen Mann gezeigt, eines der Opfer. Dieser Mensch, der aus dem Nebel kam, ein gewisser Friedhelm Kohlschreiber, war nachweislich seiner Personalpapiere im November letzten Jahres noch in der verschwundenen Stadt Duisburg, wo man seinen Personalausweis verlängert hat - mit Datumsstempel, Stadtsiegel und Allem. Wenn ich aber jetzt höre, dass da oben nicht mehr Duisburg ist, sondern ein Haufen seltsamer Kuppeln, dann frage ich mich, wo war dieser Kohlschreiber im November letzten Jahres wirklich und wie hängt das alles zusammen.«
Klaus Stratmann sah seinen alten Freund verwundert an: »Wie jetzt? Da sind Leute aus dem Nebel gekommen, von denen einer im letzten Jahr noch in Duisburg war, aber da, wo früher Duisburg war, ist gar nicht Duisburg, sondern etwas Anderes, Fremdes. Komische Sache. Vielleicht hat sich Duisburg verwandelt. Alle leben jetzt unter diesen Kuppeln. Auch die Stadtverwaltung …«
»Quatsch! Die haben fünf Jahre gebraucht, um einen Aufzug für eine Stadtbahnhaltestelle fertig zu bauen und sollen jetzt ruck-zuck die ganzen Kuppeln gebaut haben? Nein!«
»Komische Sache.«
»Du sagst es.«

Drei Tage später waren die Arbeiten unter Tage abgeschlossen. Vom Schachtfuß der Zeche Zollverein bis hinein in den Schrägschacht Westende gab es durchgehend Licht und Bewetterung; im ehemaligen Kino der alten Oberhausener Zeche waren außerdem eine Sanitätszentrale, die Kantine und die Einsatzleitzentrale fertig eingerichtet.
Die Polizeieinheit und das für Räumarbeiten im Schrägschacht Westende vorgesehene Bohr- und Sprengteam der Zeche Bottrop konnten anrücken.


(Fortsetzung folgt)

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In der heutigen Folge gelingt es, in die unmittelbare Nähe der Kuppeln der Ehernen Stadt vorzudringen. Doch die Herrscher der Kuppeln reagieren ...



10. Der singende Wetterschacht



Die Männer der Einsatzgruppen standen vor der großen Plantafel, die man in der Einsatzzentrale im ehemaligen unterirdischen Kino der alten Oberhausener Zeche eingerichtet hatte. Die Karten zeigten den Schrägschacht, der in 600 Metern Tiefe von der 7. Sohle des Oberhausener Bergwerks abzweigte und in westlicher Richtung nach Oben führte, wobei er zunächst die verschiedenen Sohlen miteinander verband, um schließlich in Mittelmeiderich an der Westender Straße, gegenüber dem MSV-Vereinsgelände, an die Oberfläche zu gelangen. Der flachere obere Teil des Schrägschachtes war im 2. Weltkrieg als Schutzraum für die Bewohner Mittelmeiderichs und den Insassen der KZ-Außenstelle Ratingsee ausgebaut worden und war nach dem Ende des Krieges mit Bauschutt verfüllt worden, der bei Aufräumarbeiten nach der Bombardierung der Meidericher Wohngebiete angefallen war. Bei der Verfüllung hatte man die extra für den Luftschutz eingebauten beiden zusätzlichen Notausgänge allerdings nicht verschlossen und auf diesen beiden Ausgängen lag jetzt die Hoffnung der Einsatzleitung „Westende“.

Der Einsatz würde in 30 Minuten beginnen und die Planung sah vor, dass jede der drei Einsatzgruppen bis an die Oberfläche vordringen sollte, sich dort wegen der Gesundheitsgefährdung durch das Nebelfeld aber nur jeweils 5 Minuten aufhalten durfte, um dann sofort wieder zurückzukehren.
Die erste Gruppe sollte einen der beiden hoffentlich noch zugänglichen Notausgänge öffnen, einen kurzen Blick nach Draußen werfen und einige schnelle Fotos machen. Gruppe I würde ihr Wissen dann an die in 300 Metern Tiefe wartende Gruppe II weitergeben, die dann sofort nach oben vorstoßen und weitere Fotos von der näheren Umgebung machen sollte. Erst nach der chemischen Entwicklung und Auswertung der Fotos - elektronische Bilder konnten im Wirkungsbereich des Nebelfeldes leider nicht gemacht werden - würde die dritte Gruppe in den Einsatz gehen. Deren Aufgaben waren noch nicht detailliert festgelegt und die 12 Männer hatten es sich solange im provisorischen Wartebereich auf der ersten Sohle gemütlich gemacht. Bis zu dieser Stelle funktionierte die Telefonverbindung zur Einsatzzentrale und es gab auch elektrisches Licht, was die Mediziner zu der Annahme verleitet hatte, dass man sich dort auch längere Zeit ohne Gefahr für die Gesundheit aufhalten könne.

*


Die Männer der Einsatzgruppe I schoben sich im Licht ihrer ölbefeuerten Helmlampen die steile Rampe empor, die im vorigen Jahrhundert gebaut worden war, um schwere Fahrzeuge und sperrige Geräte in die Zeche Westende hinein zu transportieren und auch wieder hinaus. Die acht Polizisten wurden von vier Spezialisten für bergtechnische Sicherheit sowie Räum- und Sprengarbeiten begleitet.
Der Boden des Schrägschachtes war uneben und mit zahlreichen kleineren Felsstücken übersäht. Trotzdem kamen die erfahrenen Bergleute in dieser für sie gewohnten Umgebung relativ schnell voran. Die durchtrainierten Beamten des Sondereinsatzkommandos folgten ihnen in einem Abstand von etwa zehn Metern - darauf hatte der Obersteiger Mefford bestanden, der die Gruppe der Bergspezialisten anführte. »Wir gehen in zwei Zweiergruppen voraus und prüfen, ob der Schacht vor uns sicher ist. Sie halten Abstand«, hatte Mefford den Polizisten in einem Ton erklärt, der keinen Widerspruch zuließ. Jerry Thalheimer, der Leiter der Polizeigruppe, hatte nur wortlos genickt und war den Bergmännern mit seinen Beamten gefolgt.

Nach rund 45 Minuten hatte man geschätzte 200 Höhenmeter hinter sich gebracht und Obersteiger Mefford sah, dass die tanzenden Lichter der Helmlampen der rund zehn Meter vor ihm marschierenden beiden Bergleute zur Ruhe gekommen waren und ein drittes Licht anging, mit dem die beiden „Späher“ das Deckengewölbe über sich anstrahlten, um es auf Festigkeit zu prüfen. Das Licht wanderte unruhig hin und her, verharrte kurz und nahm seine Wanderung dann wieder auf. Die beiden Bergleute schienen sich nicht sicher zu sein, wie man die Sicherheit des Gewölbes einschätzen sollte und Mefford hörte seinen Kameraden Franz Klausmann rufen: »Obersteiger! Kommen Sie bitte vor und schauen Sie sich das an.«
Mefford schulterte seine eigene Lampe und ging zu den beiden Bergleuten. Als er sie erreicht hatte, zündete er seine eigene Lampe und richtete das Licht des Reflektors auf die Decke über sich. Was er dort sah, ließ ihn rätseln. Das war kein Fels, sondern etwas Anderes: Ein glattes, grau-grünes Material, das die ganze Decke bedeckte.
Mefford richtete das Licht seiner Lampe nach vorn und ging ein paar Schritte den Schrägschacht hinauf. Wieder richtete er das Licht seiner Lampe nach oben und ging noch ein paar Schritte weiter. Dann schien er sich sicher zu sein und kam zurück. »Hier geht es nicht mehr weiter, Leute. Hier ist Schicht im Schacht!«
Jerry Thalheimer, der mit seinen Leuten zu den Bergleuten aufgeschlossen hatte, trat neben den Obersteiger: »Schicht im Schacht? Wieso?«
»Da vorn kommt die Decke herunter, Thalheimer. Es wird immer flacher und dann liegt die Decke auf den Schachtboden auf. Und das da …«, er deutete auf die Decke über sich, »scheint Metall zu sein. Keine Ahnung, was.«
»Die Einsatzleitung hat Fotos, wonach da oben riesige Kuppeln aus einem grau-grünen Material sind«, sagte Jerry Thalheimer. »Das könnte dann der Boden der Kuppeln sein. Wie tief sind wir hier noch, Mefford?«
»Keine hundert Meter mehr, schätze ich«, antwortete der Obersteiger.
»Und keine Spur des seltsamen Nebels«, fügte der Polizist hinzu. »Trotzdem bleiben wir hier nur maximal 5 Minuten. Anschließend Rückzug!«

Die Bergleute nutzten die zugebilligte Zeit und versuchten, eine Probe des grau-grünen Materials zu nehmen, was ihnen aber wegen der Härte des Materials nicht gelang. Stattdessen machten sie Fotos des Materials. Nachdem die fünf Minuten um waren, sammelten sie die Männer zum Rückzug.
»Einen Moment noch«, sagte Franz Klausmann.
»Was ist noch, Klausmann?« fragte der Obersteiger.
»Wir müssen noch nicht aufgeben, Herr Obersteiger. Da ist doch noch dieser singende Wetterschacht.«
»Der was?« fragte der Polizeiführer und fuhr herum.
»Wetter nennen wir Bergleute das unterirdische Belüftungssystem unserer Bergwerke. Und ein Wetterschacht ist nichts anderes als eine Art Kamin für Frischluft«, antwortete Franz Klausmann.
»Das weiß ich, Klausmann. Das hat man uns letzte Woche in dem Crashkurs „Bergbau für Anfänger“ beigebracht«, schimpfte der Erste Polizeihauptkommissar, »aber was, zum Geier, ist ein singender Wetterschacht?«
»Wenn ein Bergmann sagt, ein Wetterschacht „singt“, dann spricht er von dem leise singenden Geräusch, dass die hereinströmende Luft bei einem funktionierenden Wetterschacht verursacht«, erklärte Mefford. Und wenn der Franz Klausmann sagt, der alte Wetterschacht, an dem wir vorhin vorbeigekommen sind, singt, dann hat dieser Schacht eine Verbindung zur Oberfläche.«
»Die wir eventuell nutzen könnten?« fragte der Polizeiführer. Der Obersteiger lächelte: »Nicht sofort und schon gar nicht ungeprüft, denn meistens haben die Wetterschächte keine sicheren Leitern oder Treppen. Manche aber schon …; und das sollten wir unbedingt auf unserem Rückweg prüfen.«

Zwanzig Minuten später hatten sie Gewissheit: Der alte Wetterschacht führte Frischluft - er „sang“ also tatsächlich - und es gab im seinem Inneren ein einfaches Treppensystem aus uralten, aber verzinkten Stahlelementen.

*


Die neue Einsatzgruppe I bestand aus nur noch aus 8 Personen: Den beiden Bauschlossern und Baustatikern Heinz Hülmans und Walter Köpius, den Polizeibeamten Hans Hannsmann, Kurt Kalver, Manfred Kellner und Knut Reinhardt, dem Bergmann und Sicherheitsexperten Franz Klausmann sowie dem Einsatzleiter Jerry Thalheimer.
Die beiden Schlosser der Einsatzgruppe I gingen voraus. Sie hatten die Aufgabe, das Treppensystem in dem alten Wetterschacht zu überprüfen. Falls es sich als standfest erweisen sollte, sollten Thalheimer und seine Polizisten über dieses System bis zur Oberfläche vordringen. Dort sollten sie, entsprechend der ursprünglichen Planung, einen kurzen Blick nach Draußen werfen und einige schnelle Fotos machen. Gruppe I würde ihr Wissen dann wiederum an in 300 Metern Tiefe wartende Gruppe II weitergeben, die dann auch über den Wetterschacht nach oben vorstoßen und weitere Fotos von der näheren Umgebung machen sollte.

»Bis hierhin sieht es gut aus«, sagte Walter Köpius, als er den dritten Absatz in 30 Metern Höhe erreicht hatte. »Volle Belastbarkeit wahrscheinlich. Aus Sicherheitsgründen empfehle ich aber nur den Aufenthalt von maximal drei Mann gleichzeitig dort.«
»Auf Absatz 4 sieht es nicht so gut aus«, rief ihm Heinz Hülmans von weiter oben zu. »Viele Schrauben sind verrottet. Absatz 4 bitte daher nur einzeln betreten! Absatz 5 …, Moment …«, Hülmans stieg die Treppen zum 5. Absatz in 50 Metern Höhe hinauf. Ober angekommen verschnaufte er kurz und rief dann: »Absatz 5 ist in Ordnung. Hier ist die Tragfähigkeit gut und es gibt eine fast rostfreie Groß-Öse für die Seilsicherung …«
Es dauerte noch eine gute halbe Stunde, dann hatten die beiden erfahrenen Bauschlosser das Treppensystem bis zum 7. Absatz provisorisch überprüft und für einen Aufstieg mit gleichzeitiger Seilsicherung freigegeben.

»Ganz oben ist alles wie abgeschnitten«, sagte Walter Köpius, als er wieder am Fuß der Treppe angekommen war. »Da drüber wird es hell, aber nebelig.«
»OK, wir gehen rauf«, sagte Jerry Thalheimer und nickte seinen Leuten zu. Alle nahmen ihre Seile und klinkten sich ein. Kurt Kalver war der Erste. Er begann mit dem Aufstieg und wickelte das Sicherungsseil auf dem ersten Absatz um einen stabilen Pfosten. Dann folgten die anderen Polizisten. Eine Viertelstunde später hatten sie den 7. Absatz erreicht. Jerry Thalheimer nickte Kurt Kalver zu: »Wir beide gehen weiter. Hast Du die Kamera klar, Kurt?«
»Kamera ist klar«, murmelte Kurt Kalver. Er löste sein Sicherungsseil und begann die letzten Treppenstufen hinaufzusteigen. Jerry Thalheimer folgte ihm.
Die anderen Polizisten warteten auf dem Podest des 7. Absatzes; sie sahen hoch und verfolgten, wie ihre Kollegen im Nebel verschwanden.

Fünf Minuten wollten Thalheimer und Kalver oben bleiben - so war es ausgemacht, aber als die Beiden nach zehn Minuten immer noch nicht zurück waren, löste Hans Hannsmann sein Sicherungsseil und sagte: »Die sind überfällig. Ich gehe nachsehen. Wer kommt mit?«
Manfred Kellner nickte: »Ich.«
Die beiden Polizeibeamten stiegen die letzten Treppenstufen hoch und erreichten das obere Ende des Wetterschachtes. Die Mündung der Betonröhre war mit Nebel gefüllt, aber der Nebel war trocken und nicht so dicht, dass er die Sicht behinderte.
Die beiden Polizisten kletterten aus dem Schacht hinaus und traten auf die Wildwiese, die den Schachtmund umgab. Der Schacht mündete in einem engen und tiefen Tal; direkt vor ihnen ging es steil bergauf. Oben auf der Kuppe lagen ihre beiden Freunde …

»Wir müssen ihnen helfen«, sagte Hans Hannsmann und wollte schon losstürmen, als sein Freund Manfred Kellner ihm seine Hand auf die Schulter legte: »Warte noch.«
Hannsmann wollte protestieren, aber dann sah er, wie die beiden Gestalten auf der Kuppe sich langsam rückwärts bewegten, dann vorsichtig aufstanden und zu ihnen hinunter kamen.
»Da oben sind tatsächlich riesige Kuppeln«, sagte Jerry Thalheimer, als er seine Kollegen erreicht hatte. »Kurt hat eine Menge Fotos gemacht.«
»Viel wichtiger ist: Wie geht es Dir? Ihr seid weit über der Zeit draußen geblieben. Hast Du Kopfschmerzen?« fragte Manfred Kellner seinen Chef, während alle Vier bereits wieder die Treppe des Wetterschachtes hinunter stiegen. »Das ist jetzt nicht so wichtig«, knurrte Thalheimer. »Die Bilder müssen sofort entwickelt werden.«

*


Einsatzzentrale Katastrophenschutzleitung (KSL-Land), Hilden:

Der Chef der Katastrophenschutzleitung betrat das provisorische Einsatz- und Lagezentrum in den Räumen der früheren Verwaltungsschule und begrüßte den anwesenden Innenminister und die versammelten Fachleute. Walter Eschede deutete auf die Fotos, die neben ihm auf einer Tafel angeheftet waren und sagte: »Sie alle kennen die Fotos, die die beiden Ruderer von der Rheinseite aus gemacht haben. Was Sie jetzt hier sehen, ist die Kuppelstadt quasi von der anderen Seite gesehen - von Osten her. Die Bilder wurden von Spezialkräften der Polizei gemacht, denen es im Rahmen der Aktion „Westende“ gelungen ist, durch alte Bergwerkstollen bis in die unmittelbare Nähe der geheimnisvollen Kuppelstadt zu gelangen. Eines der Bilder; und zwar dieses hier …«, Walter Eschede richtete seinen Laserpointer auf das linke der großformatigen Bilder, »zeigt darüber hinaus Schatten hinter der grau-grünen Kuppelwand, die sich nach Aussage der beiden Einsatzkräfte bewegt haben. Wahrscheinlich haben wir es hier mit Lebewesen zu tun, die ….«
»Können wir mit diesen … Wesen nicht irgendwie Kontakt aufnehmen?« unterbrach ihn der Persönliche Referent der Ministerpräsidentin, der seine Chefin in diesem Gremium vertrat. »Schließlich blockiert diese Kuppelstadt unsere wichtigsten Verkehrswege, sowohl zu Wasser und in der Luft, auf der Schiene und auch auf der Straße.«
»Deine Chefin kann ja schon mal ein paar Grußworte vorbereiten, Conny«, antwortete der Innenminister spöttisch. »Auf Deutsch, Englisch und in den drei, vier gängigen Alien-Sprachen, Conny. Im Ernst: Wir wissen bis jetzt nicht, was das da ist und wer sich da an der Ruhrmündung breit gemacht hat. Aber wir müssen auf alles vorbereitet sein. Von freundlichen Grußworten bis zum Einsatz militärischer Mittel.«
»Deren Einsatz problematisch, wenn nicht sogar unmöglich ist, weil dieser Nebel alles lahm legt, in dem Strom fließt«, bemerkte der technische Offizier der Bundeswehr. »Aus größerer Entfernung könnte man vielleicht Granaten mit einfachen Aufschlagzündern abfeuern oder Bomben abwerfen, aber sonst …«
»Sie haben recht, General«, sagte Walter Eschede, »Aber wir können jetzt auch näher heran, denn seit vorgestern wissen wir, dass in 200 Metern Tiefe noch alle Geräte funktionieren und auch die eingesetzten Menschen sind angeblich nicht zu Schaden gekommen.«
»Das kann ich bestätigen«, sagte der Referent des Gesundheitsministeriums. »Die Uniklinik Essen hat bei keinem der eingesetzten Kräfte die gefürchteten Symptome feststellen können. Die Bergleute und die Polizisten scheinen gesund zu sein.«
»Schön zu hören«, fuhr der Chef der KSL-Land fort und wandte sich wieder der Lagekarte zu: »Ich fasse dann mal zusammen: Was wissen wir? Wir wissen, dass die Stadt Duisburg und Teile von Oberhausen und Mülheim seit gut zwei Jahren verschwunden sind und an ihrer Stelle sich ein unbekanntes Konglomerat an grau-grünen Kuppeln unbekannten Materials befindet, das wir mangels besserem Wissen „die Kuppelstadt“ nennen. Diese Kuppelstadt ist wahrscheinlich von unbekannten Lebewesen bewohnt und wird von einem Nebelfeld umgeben, das aber nicht aus meteorologischem Nebel besteht, sondern eine andere, unbekannte Konsistenz hat. Innerhalb dieses Nebelfeldes funktionieren keinerlei elektrische Geräte und das Feld ist wahrscheinlich auch dafür verantwortlich, dass Menschen, die sich in diesem Nebel aufhalten, schwere Gesundheitsschäden davon tragen. Seit vorgestern …«, der Leiter der KSL-Land machte eine kurze Pause, weil einige Mobiltelefone klingelten. Er wartete kurz und fuhr dann fort: »Seit vorgestern ist der Schacht Westende ständig besetzt und alle paar Stunden steigen Spezialkräfte an die Oberfläche und beobachten die seltsame Kuppelstadt.«
»Gibt es schon etwas Neues von dort?« unterbrach ihn der Persönliche Referent der Ministerpräsidentin. Walter Eschede schüttelte den Kopf: »Nein. Aber wir können diese Position nutzen, um mehr über die Kuppelstadt und ihre Bewohner herauszufinden. Wir wären außerdem nahe genug dran, um einen ersten Kontaktversuch zu unternehmen …«
Walter Eschede unterbrach seine Rede, weil Innenminister Hunter neben ihn getreten war und signalisierte, dass er etwas Wichtiges zu sagen hätte. Eschede trat vom Rednerpult zurück und machte dem Innenminister Platz.

Ralf Hunter trat an das Pult und sah in die Runde. Er wirkte ungewohnt ernst und sagte: »Ich begrüße den Vorschlag des KSL-Chefs, einen Kontaktversuch zu starten. Über die Modalitä-ten einer solchen Kontaktaufnahme sollten wir uns jetzt schnellstens einigen, denn ich habe gerade eine schlechte Nachricht von unserer Außenstelle Düsseldorf erhalten. Das Nebelfeld wächst! Es breitet sich aus. Langsam zwar, aber stetig. Wir müssen sofort damit beginnen, weite Teile der angrenzenden Städte zu evakuieren. Tun wir das nicht, sind Hunderttausende mit dem Tode bedroht.«



(Fortsetzung folgt)

Dieser Beitrag wurde 1 mal editiert, zum letzten Mal von Bully: 04.11.2013 10:53.

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Ein paar Tage früher als üblich: Die beiden letzten Kapitel des Fortsetzungsromans:


11. Deadline 21.08.



Der kalte und trockene Nebel kroch durch die engen Straßen von Düsseldorf-Oberbilk und viele Menschen aus den hier wohnenden Ausländerfamilien irrten herum, weil sie die Aufforderung der Katastrophenschutzleitung zur Räumung des Stadtbezirks entweder nicht gehört oder nicht verstanden hatten. Erst als die Polizei und die Rheinische Bahngesellschaft mit Bussen anrückten und die Menschen abtransportierte, beruhigte sich die Lage etwas. Trotzdem war es den Verantwortlichen am Abend immer noch nicht gelungen, alle Menschen aus den gefährdeten Regionen zu evakuieren. Und als dann gegen 21 Uhr die Fernseh-Bildschirme schwarz wurden und die Radios verstummten, war es für eine Rettungsaktion zu spät.
Walter Eschede, der Chef der KSL-Land ordnete gegen 22 Uhr zwar noch die Verteilung von mehrsprachigen Flugblättern in den zu evakuierenden Stadtbezirken an, aber selbst die Flugblätter erreichten Tausende von Menschen nicht mehr, die bereits schlafen gegangen waren und am nächsten Morgen wahrscheinlich nicht mehr aufwachen würden …

*


Einsatzzentrale „Kino“, 600 Meter unter der Erde, 17 Uhr:

Der Erste Polizeihauptkommissar Jerry Thalheimer öffnete den Umschlag, den er gerade bekommen hatte und der die Anweisungen der Landesregierung für den Kontaktversuch enthielt. Er las den Einsatzbefehl durch und nickte dann seinen beiden Kollegen zu: »Alles klar. Wir haben den Auftrag, mit den Bewohnern der Kuppelstadt visuellen Kontakt aufzunehmen. Wir sollen nicht mehr verdeckt hinter dem Hügelkamm operieren, sondern sollen uns offen zeigen und das vorbereitete Transparent so aufstellen, dass es von der Kuppelstadt aus gesehen werden kann.«
»Die haben sowieso mitbekommen, dass wir da sind«, sagte Kurt Kalver, »schon beim ersten Mal. Wetten?«
»Glaube ich auch«, nickte Hans Hannsmann, der dritte Polizeibeamte der kleinen Einsatzgruppe. »Und wir müssen uns beeilen. Das Nebelfeld breitet sich aus. Die Kollegen, die vorhin aus Westende zurückgekommen sind, haben berichtet, dass oben schon kein Strom mehr ist. Sie schätzen, dass das Feld sich jetzt auch weiter in die Tiefe hinein ausbreiten und alles lahm legen wird.«
»Dann los«, knurrte Jerry Thalheimer, legte seine Waffe ab und schnallte sich das aufgerollte Transparent auf den Rücken. Er meldete sich bei der Einsatzleitung ab und verließ den Bereich der provisorischen Zentrale im ehemals tiefsten Kino Deutschlands. Kurt Kalver und Hans Hannsmann folgten ihm.

Eine Stunde später hatten die drei Polizeibeamten den „singenden“ Wetterschacht erreicht und begannen mit dem Aufstieg an die Oberfläche. Weitere dreißig Minuten später standen sie auf dem Kamm des Hügels - in Sichtweite der Kuppelstadt.
Jerry Thalheimer und seine Kollegen hoben die Arme und zeigten den unbekannten Bewohnern ihre leeren Hände. Dann entrollten das vorbereitete Transparent, auf dem die dringende Bitte einer Kontaktaufnahme in Bild und Symbol vermerkt war.
Anschließend verließen die drei Polizisten die Oberfläche wieder - das Transparent blieb zurück. Von jetzt an würden weitere Einsatzgruppen in regelmäßigen Abständen an die Oberfläche kommen, um eine eventuelle Antwort der Unbekannten in Empfang zu nehmen.

Das Warten begann …

*


17. August, Institut für öffentliche Verwaltung in Hilden, 7:05 Uhr:

Am Morgen hatte das Nebelfeld die Stadtgrenze von Hilden erreicht und der Katastrophenschutz traf Vorbereitungen, seine Einsatzzentrale im Osten der Stadt abzubauen und nach Wuppertal zu verlegen.

Innenminister Hunter, der die Nacht in den Räumen der ehemaligen Verwaltungsschule verbracht hatte, nahm die Tasse Kaffee dankend entgegen, die ihm Walter Strombach, der technische Einsatzkoordinator des Katastrophenschutzes, aus der Kantine mitgebracht hatte.
Hunter trank einen Schluck und wandte sich dann Strombach zu: »Wie laufen die Evakuierungen?«
»Da, wo unserer Fahrzeuge noch funktionieren, sind sie alle im Einsatz; dazu Polizei und die öffentlichen Verkehrsbetriebe. Auch die privaten Busunternehmen sind dabei. Aber wir haben nicht alle rausholen können. Es waren einfach zu viele …«
»Ich weiß, Strombach. Ihr habt getan, was Ihr konntet.«
»Vielleicht könnte man diese Wesen bitten, das Feld abzuschalten und so das Leben Zehntausender zu retten …«, sagte Walter Strombach.

Der Innenminister wandte sich ab und sah aus dem Fenster. Da draußen, hinter der Nebelgrenze und nicht einmal drei Kilometer vom jetzigen Standort der Katastrophenschutzzentrale entfernt, lagen jetzt Tausende Menschen in ihren Betten und würden nicht wieder aufwachen. Schon damals, als das seltsame Phänomen zum ersten Mal aufgetreten war, hatten sie nicht alle Menschen aus der Nebelzone retten können. Viele waren in ihren Wohnungen zusammengebrochen und ins Koma gefallen. Wer keine fremde Hilfe bekommen hatte, war nach wenigen Tagen verdurstet oder mangels ärztlicher Hilfe gestorben. Jetzt drohte das wieder. Vielleicht hätte man damals schon die angrenzenden Stadtteile evakuieren müssen …

»Entschuldigung«, murmelte Ralf Hunter und wandte sich wieder Walter Strombach zu. »Das Transparent steht, aber es gab noch keine erkennbare Reaktion auf unsere Bitte zur Kontaktaufnahme. Aber spätestens in drei, vier Tagen muss dieses Feld weg sein oder wenigstens wieder auf seine ursprüngliche Größe reduziert werden, sonst werden alle diejenigen sterben, die jetzt innerhalb des Nebelfeldes leben. Und das werden Tausende sein …«
»Sie fallen ins Koma, ja …, aber sterben?« fragte Walter Eschede, der zu den beiden Männern getreten war und den Innenminister jetzt fragend ansah. Ralf Hunter erklärte: »Sie fallen ins Koma und bekommen nichts mehr zu essen und zu trinken. Ohne Essen kann man drei Wochen überleben, aber ohne Wasser wird es nach drei Tagen kritisch und nach 5 Tagen sind fast alle Menschen tot. Die Mediziner meinen, die Deadline wäre die Nacht auf den 21.August. Bis dahin ist entweder das Nebelfeld weg und die Hilfskräfte können in die betroffenen Gebiete einrücken …, oder den Menschen dort ist nicht mehr zu helfen«
»Deadline …, mein Gott, wie makaber«, sagte der technische Einsatzkoordinator des Katastrophenschutzes.
»Aber leider zutreffend«, nickte der Innenminister während sein Diensthandy klingelte. Er sah auf das Display und nahm das Gespräch an: »Guten Morgen, Frau Ministerpräsidentin … Ja, wir sind hier noch einsatzklar. Der Lagestab tritt gleich zusammen … oh, ich verstehe … und daran ist nichts mehr zu ändern? … Und falls sie doch noch Kontakt aufnehmen? … Danke. … Ja, ich komme dann auch nach Bonn. Bis nachher. Auf Wiederhören.«
Er beendete das Gespräch und sagte: »Der Bund hat übernommen und der große Krisenstab tagt jetzt in Bonn - im Lagezentrum des Bundesministeriums für Verteidigung. Wir sind erstmal raus und sollen uns zurückziehen. Die Bundesregierung wird die Bundeswehr beauftragt, die Kuppelstadt zu beschießen und aus großer Höhe zu bombardieren. Auf diese Weise wollen sie den Feind zwingen, das Feld abzuschalten.«

Ralf Hunter packte seine Sachen zusammen und ging zum Auto, das vor dem Eingang der Verwaltungsschule parkte. Franz Hesselhuber, sein Fahrer, wartete bereits auf ihn. »Wohin, Chef?«
»Bonn, Verteidigungsministerium, Franz. Die haben jetzt das Sagen.«

Während der schwere Dienst-Audi des Innenministers beschleunigte und der nahen Autobahn zustrebte, klingelte dessen Handy erneut. Ralf Hunter nahm das Gespräch an …

*


Der alte Mann wuchtete seinen unförmigen Körper aus dem Bett und sah sich um. Dies war eindeutig ein Krankenzimmer. Er hielt sich am Bettpfosten fest und schob sich näher an das Fenster heran, das ein wenig Tageslicht in das ansonsten halbdunkle Zimmer hinein ließ. Draußen war es nebelig, aber der Mann konnte den Fluss sehen, der nahe am Haus vorbei floss. Es war der Rhein und der Mann ahnte, in welchem Krankenhaus er sich befand. Er wollte sich gerade dem anderen Bett in seinem Zimmer zuwenden, als ihn ein Schwächeanfall zwang, kurz inne zu halten.

Er war schwach und er hatte Durst! Verdammten Durst!

Der alte Mann sah die Sprudelwasserflaschen auf dem Fensterbrett und schleppte sich bis ans Fenster. Er öffnete eine Flasche und ließ das Mineralwasser in seinen Rachen laufen. Dann nahm er eine der anderen Flaschen und wankte zu dem zweiten Bett hinüber.
»Hey, Du da. Lebst Du noch?«
»Nein«, krächzte das grüne Etwas vor ihm. »Zumindest fühlt es sich so an.«
»Dann brauchst Du ja auch nichts mehr von dem leckeren Feinschmeckerwasser, das ich hier habe«, sagte der alte Mann und winkte mit der Flasche.
»Gib mir sofort was zu trinken, oder ich murks Dich ab, Du Ratte!«
»Dazu müsstest Du aber aufstehen, Kerl. Und das schaffst Du nicht«, lachte der alte Mann und gab dem vor ihm liegenden Mann trotzdem etwas zu trinken.
Der Liegende richtete sich mühsam auf: »Wo sind wir hier?«
»Krankenhaus. Wahrscheinlich Köln.«
»Wieso Köln?«
»Die Kirche da hinten hat zwei Türme - die bimmeln hier wohl in Stereo.«
»Der Dom?«
»Kann sein«, sagte Friedhelm Kohlschreiber. Er wankte zum Fenster, öffnete es und zog die nebelige Luft in seine Lungen. Dann drehte er sich zu seinem Freund Hilmar um und sagte: »Das ist übrigens nicht dieser Scheißnebel, den wir im Düsseldorfer Norden hatten. Der hier ist kühl und nass - wie richtiger Nebel.«

»Herr Kohlschreiber …?«
Der Dicke Fitti drehte den Kopf zur Tür und sah dort einen Menschen in einem weißen Arztkittel stehen. Fitti nickte ihm zu: »Ja.«
»Geht es Ihnen gut?«
»Geht so. Wer will das wissen?«
»Ich …, und meine Kollegen natürlich. Wir sind überrascht. Sie sind das erste Nebelopfer, das aus dem Koma erwacht ist. Und Innenminister Hunter will Sie unbedingt und sofort sprechen.«
»Hunter? Ralf Hunter?«
»Kennen Sie ihn?«
»Ja. Der Ralf hat als junger Mann mal ein Praktikum bei uns gemacht. War echt begabt. Aus dem hätte mal was werden können.«
»Der Mann ist immerhin Landes-Innenminister geworden«, protestierte der Arzt. »Darf ich ihn anrufen? Er will unbedingt mit Ihnen reden.«
»Von mir aus«, knurrte der Dicke Fitti, »aber bitte erst nach dem Essen! Ich habe Hunger! Ich hätte gern etwas Deftiges und ein leckeres Bier, bitte. Aber richtiges Bier und nicht diese Plörre …, öhhhm, diesen Bier-Ersatzstoff, den Ihr hier im Rheinland in Euch hineinschüttet. Und für meinen friesischen Freund hier bringt Ihr auch was mit, klar?«
Der Arzt nickte und machte sich auf den Weg, das Essen für die Patienten zu bestellen. Kurz vor der Türe holt ihn der Dicke Fitti mit einer Frage zurück:
»Ach Herr Doktor …. Was machen denn die anderen von uns? Sind die auch hier?«
»Ja. Sie wurden alle von Heerdt nach hier verlegt, als sich das Nebelfeld ausbreitete«, antwortete der Arzt.
»Es breitete sich aus? Seltsam …«

Ein Mittagessen, zwei Bier und eine frische Zigarre später, trat Innenminister Ralf Hunter an das Bett des Dicken Fitti und sagte: »Lange nicht gesehen, Herr Kohlschreiber.«
»Wir können beim Du bleiben, Ralf.«
»Gerne, Fitti, aber ich bin furchtbar in Eile; ich muss zum Krisenstab nach Bonn. Deshalb nur eine Frage vorab: Nachdem man Euch gerettet und ins Krankenhaus gebracht hatte, da hat man Eure Papiere untersucht, um Eure Identität zu klären. Dabei ist aufgefallen, dass Deine Papiere vor einem dreiviertel Jahr von der Stadt Duisburg verlängert worden sind.«
»Stimmt. Ich kann mich erinnern. Ich hab das im Bezirksamt Innenstadt am unteren Sonnenwall machen lassen.«
»Wie bitte …«. Ralf Hunter schluckte. »Vor einem dreiviertel Jahr? Da war die Stadt Duisburg spurlos verschwunden. Schon seit zwei Jahren …«
»Für Euch vielleicht, aber nicht für uns«, antwortete der Dicke Fitti und begann zu erzählen. »Es begann alles damit, dass man am Astronomischem Institut der Universität Duisburg/Essen ein seltsames Phänomen bemerkt hatte: Die Stadt Duisburg war mitsamt ihrem näheren Umfeld um 2.000 Jahre in die Vergangenheit gestürzt und plötzlich waren wir mit allem drum und dran in der Zeit des Römischen Reichs gelandet. Und damit fing alles an …«

Fassungslos verfolgte der Innenminister die phantastische Erzählung des Dicken Fitti, der dabei von seinem Freund Hilmar unterstützt wurde. Nachdem Fitti mit der Bemerkung: »Und das war jetzt nur die Kurzform«, geendet hatte, griff Ralf Hunter zu seinem Handy und wählte die Nummer des Krisenstabs in Bonn. Als sich die Gegenseite meldete, sagte er: »Hier spricht NRW-Innenminister Ralf Hunter. Ich habe wichtige Informationen. Stoppen Sie alles und holen Sie mir die Kanzlerin ans Telefon. Sofort!«



12. Das Ultimatum



17. August, Lagezentrum des Verteidigungsministeriums, Außenstelle Bonn, Nachmittag:

Sie waren endlich wieder zusammen! Knut und Jenny, ihre Schwester Hanna und deren Freund Franz, die Brüder Urs und Lechti Müller, der Dicke Fitti und Hilmar Hansen, den Mann, den sie immer nur den Käpt´n nannten, obwohl ihr Schiff momentan unerreichbar weit weg in der Nordsee vor sich hin dümpelte; zwar nur 500 km entfernt, aber durch 2000 Jahre von ihnen getrennt.

Die acht Menschen waren alle am Morgen aus dem Koma erwacht, nach kurzer ärztlicher Untersuchung aus dem Krankenhaus entlassen und nach Bonn geschafft worden.
Im großen Besprechungsraum des dortigen Verteidigungsministeriums hatten sie den Mitgliedern der Bundes- und Landesregierung ihre Geschichte erzählt und die Fragen der Politiker und der Militärs beantwortet.
Der Krisenstab wusste jetzt, dass in der geheimnisvollen Kuppelstadt an der Ruhrmündung keine gemeingefährlichen Aliens residierten, sondern Menschen aus dem 27. Jahrhundert, die durch die Reisen in die Vergangenheit versuchten, das Überleben der Menschheit zu sichern.

Aber noch war man sich im Krisenstab nicht einig, wie man weiter verfahren wollte. Einige wollten verhandeln, andere sofort militärische Gewalt anwenden, weil die Zeit drängte und die Deadline drohte.

Der Dicke Fitti hatte dringend davon abgeraten, die Eherne Stadt zu bombardieren;
- zum einen, weil niemand wusste, ob man mit herkömmlichen Bomben oder Granaten der unbekannte grau-grüne Metallplastik der Kuppeln überhaupt beikommen konnte und
- zum anderen, weil dadurch das Leben der mehr als 30.000 jungen Menschen und Kindern in den Kuppeln in große Gefahr geraten wäre.

»Man sollte diese Scheißstadt stürmen und die Leute zwingen, mit zehntausend farbigen Kindern und Asiaten in ihre Zukunft zu verschwinden«, fauchte Urs Müller böse, als sie den Besprechungsraum verlassen hatten und im Restaurant des Ministeriums einen Imbiss einnahmen.
»Freiwillig werden sie das niemals zulassen und zwingen kann man die nicht. Die Stadt ist zu gut geschützt. Der Nebel …«
»Der keine Begleiterscheinung des Dimensionstranfers ist, wie man es uns weiß machen wollte, sondern eine Art Schutzschirm der Ehernen Stadt«, sagte der junge Pressemann.
Der Dicke Fitti nickte: »Eine sehr wirksame Abwehr, in der Tat. Jedwede Art von elektrischem Stromfluss wird unterbunden. Maschinen funktionieren nicht und auch das menschliche Gehirn wird beeinträchtigt, weil beim Denkprozess auch minimale elektrische Impulse eine wichtige Rolle spielen. Es beginnt mit Kopfschmerzen …«
» … und endet im Koma«, vervollständigte Knut den Satz. »Wie bei den zigtausende Menschen, die jetzt von der Erweiterung des Nebelfeldbereichs betroffen sind und am Morgen des 21.08. tot sein werden.
»Aber durch das Nebelfeld wird die Stadt unangreifbar - egal, in welcher Zeit sie sich auf-hält«, warf Hanna Schreiber ein.

»So ganz unangreifbar ist sie nicht«, sagte der Dicke Fitti leise. »Wir wissen jetzt, dass man durch die alten Bergbaustollen ganz nah an die Eherne Stadt herankommt. Und da hätte ich eine Idee. Ich glaub, ich geh noch mal zum Krisenstab hoch und rede mit denen.«

*


18. August, Zeche Zollverein, 7:20 Uhr:

Regierungsdirektor Alfred Stahlhans vom Bergamt bei der Bezirksregierung in Arnsberg wartete im Eingangsbereich der früheren Zeche Zollverein und sah nervös auf seine Uhr. In spätestens zehn Minuten würden die Leute, die er für 7:30 Uhr hierhin beordert hatte und die bereits in der Werkstatt warteten, unruhig werden und beginnen, Fragen zu stellen. Aber ihre Fragen konnte der Regierungsdirektor vom Bergamt nicht beantworten - zumindest solange nicht, bis sein Handlungspartner eintraf, der ihm vom Minister persönlich avisiert worden war:
Er hat unser vollstes Vertrauen. Tun Sie, was er will und besorgen sie ihm alles, was er braucht.
Das waren die Worte von Minister Hunter gewesen, gestern Morgen. Und eine Liste der benötigten Handwerker und Maschinen war kurz danach per E-Mail in Arnsberg eingegangen. Und es sollten nur die Besten ihres Fachs sein: Ein Blechschlosser, ein Karosseriebauer, ein Sprengmeister, ein Chemiker …
Alfred Stahlhans hatte diese Leute von den noch arbeitenden Zechen abgezogen und für 7:30 Uhr nach Essen zur Zeche Zollverein bestellt. Außerdem noch zwei Mann vom Kampfmittelbeseitigungsdienst seiner Behörde in Arnsberg.
Jetzt warteten diese Leute in der inzwischen gut ausgestatteten Werkstatt auf den Mann, der ihnen sagen sollte, welches technische Wunder sie innerhalb kürzesteter Zeit zu vollbringen hätten.

Stahlhans´ Armbanduhr zeigte Punkt 7:30 Uhr als ein LKW in die Einfahrt einbog und neben Stahlhans zum Halten kam. Der Fahrer beugte sich herüber und öffnete die Beifahrertür. Er sagte: »Wenn Sie dieser Stahlhans sind, dann steigen Sie bitte ein und zeigen mir, wie ich zur der Werkstatt komme. Ich bin übrigens Friedhelm Kohlschreiber.«
»Alfred Stahlhans, guten Morgen«, sagte der Mann vom Bergamt und kletterte auf den Beifahrersitz. Er sah den übergewichtigen und alten Mann am Steuer des LKW fragend an: »Sie sind …?«
»Der Dicke Fitti, genau. Im Sonderauftrag der Landesregierung Nordrhein-Westfalens zur Rettung der Welt unterwegs. Das würde ich jedenfalls sagen, wenn die Lage nicht so furchtbar ernst wäre.«
»Aber Sie haben es doch gesagt …«, stotterte Stahlhans, während der Dicke Fitti den LKW beschleunigte. »Ach so, ja …, das ist nur meine bescheidene Art. Wohin?«
»Da vorne rechts und dann wieder rechts.«

Eine halbe Stunde später hatte sich der Dicke Fitti mit den Handwerkern in der Werkstatt bekannt gemacht und man hatte das Material vom LKW abgeladen, das der Dicke Fitti mitgebracht hatte. Im Verlauf einer kurzen Kaffeepause erklärte Fitti den Leuten, was er vorhatte. »Und so soll das Ding aussehen, was wir bis spätestens morgen Abend bauen werden.« Er zog den Bauplan aus der Papprolle und rollte den Plan auf der Werkbank aus.

Und da wurde es plötzlich ganz still in der Werkstatt …

*


19. August, Zeche Zollverein, 18:10 Uhr:

Die Menschen in den von der Nebelzone betroffenen Gebieten hatten schätzungsweise noch anderthalb Tage zu leben, als der Trupp aus Handwerkern und Bergleuten das schwere Gerät auf den Transportwagen der Grubenbahn gewuchtet hatte. Die Männer kletterten in die angehängten Personenwagen - nur der Dicke Fitti passte nicht in die engen Wagen. Er setzte sich auf den Rand des Transportwagens und hielt sich am Rahmengestell seines Babys fest. Dann beschleunigte die Lok der Grubenbahn und der Transport donnerte über die Schienen in der 600-Meter Sohle der Zeche Zollverein seinem Ziel entgegen: Dem Schachtsystem der ehemaligen Zeche Westende in Duisburg-Meiderich.

*


20. August, oberhalb des Wetterschachtes, 9 Uhr:

Der Morgen war schon einige Stunden alt, als der alte Mann aus dem Nebel trat und das immer noch auf der Hügelkuppe stehende Transparent umlegte. Dann richtete er seinen Blick auf das vor ihm liegende Tor der Kuppel und die grau-grüne Wand, von der er wusste, dass sie von Innen durchsichtig war.
Er trat machte einige Schritte auf die Kuppel zu und dann begann er zu reden: »Ihr kennt mich und ich weiß, dass ich mich hören könnt. Und außerdem weiß ich, dass Ihr mich auch versteht. Deshalb hört jetzt genau zu, denn ich sage das Ganze nur einmal:

Durch die von Euch vorgenommene Erweiterung des Nebelfeldes sind mehrere Zehntausend Menschen in den umliegenden Städten in akute Lebensgefahr geraten. Diese Menschen liegen jetzt hilflos in ihren Wohnungen und niemand kann sie aus der Gefahrenzone bergen oder ihnen etwas zu trinken geben. Wenn Ihr nicht sofort dafür sorgt, dass das Feld wieder auf seine Anfangsgröße reduziert wird, dann werden diese Menschen morgen Abend schon tot sein. Und das werden wir nicht akzeptieren! Keinesfalls! Und da Ihr unser Gesprächsangebot nicht angenommen habt - er zeigte auf das am Boden liegende Transparent - stelle ich Euch hier und jetzt und im Auftrag der Menschen da draußen das folgende Ultimatum:

Macht dass Ihr wegkommt, oder wir schicken Eure beschissene Stadt zur Hölle! Ihr habt genau 12 Stunden Zeit. Wenn Ihr bis heute Abend um 21 Uhr nicht weg seid oder dafür gesorgt habt, dass das Nebelfeld auf seine Anfangsgröße reduziert ist und Ihr Gespräche mit uns aufgenommen habt, dann explodiert die Nuklearwaffe, die wir in einem Bergwerkstollen unter Eurer Stadt deponiert haben. Und glaubt ja nicht, dass das Nebelfeld Euch schützen würde. Unsere Nuklearwaffe hat zwar nur eine Sprengkraft von 50 Kilotonnen, aber sie hat einen rein chemischen Zünder - da ist nichts Elektrisches dabei, das wegen des Nebelfeldes nicht funktionieren würde. Dieser Zünder ist bereits aktiv und es gibt zwei Bedingungen, die ihn unwiderruflich zum Auslösen bringen:
- ein unsachgemäßes Bewegen oder Herumhantieren an der Bombe,
- der Ablauf der voreingestellten Zeit von 12 Stunden.
Ich habe diese Bombe gebaut und nur ich - ich wiederhole NUR ICH - weiß, wie man sie entschärft. Und ich brauche eine Stunde für den Weg zur Bombe und für die Entschärfung. Sind elf der zwölf Stunden abgelaufen und Eure Stadt ist immer noch hier, dann werde ich mich in Sicherheit bringen und nichts - ich wiederhole NICHTS - kann dann noch die Explosion der Nuklearwaffe unter Eurer Stadt verhindern.

Und damit Ihr seht, dass wir es ernst meinen, habe ich ein Foto von unserer kleinen Sammy-Bombe gemacht. Ich lege das Bild hier auf den Boden und Ihr könnt es Euch ansehen, sobald ich wieder weg bin. Das Foto wurde im Schrägschacht der ehemaligen Zeche Westende direkt unter Eurer Stadt gemacht. Oben im Bild sieht man die grau-grüne Bodenwanne der Kuppel-stadt und unmittelbar darunter unsere süße kleine Sammy.
Wenn Euch also Euer Leben und das Leben Eurer Kinder lieb ist, dann macht jetzt, dass Ihr wegkommt …«

*


Heilander Huk erschien eine Stunde später. Er trat durch die sich öffnenden Tore der Kuppel und ging auf den Dicken Fitti zu, der noch immer hinter dem Hügelkamm wartete. »Sie sollten sich nicht solange innerhalb des Nebels aufhalten; das ist nicht sonderlich gesund.«
»Ich habe Eure Nebelpest schon mehrmals überlebt, Huk. Und diesmal wird es das letzte Mal sein, dass ich mich dem aussetze.«
»Ach, Sie glauben, wir würden ihren Bluff mit der Atombombe glauben? Nein, Herr Kohlschreiber, das werden wir nicht! Deutschland hat keine Atombomben und auch im 21. Jahrhundert dauert es sehr lange, eine solche Waffe zu bauen. Und dazu noch einen chemischen Zünder. Ausgeschlossen …«
»Dann folgen Sie mir in Schacht, Huk und ich zeige Ihnen mein Baby. Die 50 Kilotonnen-Bombe, die wir uns von unseren amerikanischen Freunden ausgeliehen haben und die jetzt von einem dicken Panzer aus C4-Sprengstoff ummantelt ist. Und ich erkläre Ihnen auch gern den Zünder, dessen chemischer Prozess bereits läuft. Kommen Sie mit in den Schacht, Huk. Noch haben wir Zeit. Nur die Menschen in den betroffenen Städten werden bald keine Zeit mehr haben.«
»Die Erweiterung des Feldes war meines Erachtens eine bedauerliche Fehlentscheidung des Rates«, sagte Huk leise. »Getroffen wegen der Aggressionsmaßnahmen in den Bergbauschächten unterhalb der Stadt.«
»Aggressionsmaßnahmen? Spinnen Ihre Leute? Die Menschen wollten herausfinden, was sich hinter dem Nebel befindet und Kontakt aufnehmen«, schimpfte der Dicke Fitti.
»Man hätte Sie fragen können, Kohlschreiber. Sie wussten doch, dass wir in ehrenvoller Absicht hier waren und nichts Böses im Schilde führen.«
»Wir haben es aber nicht aus dem Nebelfeld heraus geschafft. Wir lagen im Koma und konnten Niemandem sagen, welch tolle Menschen sich hinter den Kuppeln verbergen und welch tolle Absichten sie haben«, ätzte Fitti, »erst vor drei Tagen sind wir auf wundersame Weise wieder aufgewacht.«
»Nicht auf wundersame Weise, sondern weil Sie von uns während Ihres Aufenthaltes in der Ehernen Stadt ein Medikament erhalten haben, das Sie weitgehend vor den Folgen des Nebelfeldes schützt.«
»Von mir aus auch das, aber was ist jetzt, Huk. Soll ich Ihnen die hübsche und einsatzbereite Atombombe zeigen, die unter der Bodenwanne Ihrer Kuppelstadt liegt? Und die Ihre Stadt ins Nirwana blasen wird, wenn ich sie nicht vorher entschärfe.«
Der wissenschaftliche Rat und Nobelpreisträger für dimensionsübergreifende Physik Heilander Huk schloss seinen Umhang und nickte. Der Dicke Fitti nahm es mit Befriedigung zur Kenntnis und ging voraus. Huk folgte ihm.

Eine Stunde später stieg ein sichtlich nervöser Physiker aus dem Wetterschacht und eilte über die Wiese den Hügel hinauf. Fünf Minuten später erreichte er die Versammlungshalle und alarmierte den Rat. Keine zehn Minuten später berichtete er den Räten von dem, was er erfahren und gesehen hatte.

*


20. August, Institut für öffentliche Verwaltung in Hilden, 14:15 Uhr:

Zuerst wurde der Nebel etwas lichter und dann schien er seine Konsistenz langsam zu verändern. Ralf Hunter beobachtete, wie die Silhouette des Hubschraubers auf der Wiese vor dem Eingang immer klarer wurde und die Konturen an Schärfe zunahmen. Er drehte sich zu dem Hubschrauberführer um und zeigte auf die BO 108: »Ich glaube, wir können es riskieren. Versuchen Sie mal, den Hubschrauber zu starten.«
Willi Helmholtz ging zu seiner Maschine, stieg hinein und drückte auf den Anlasser für die schweren Turbinen. Zuerst zögernd, aber dann heftiger und lauter nahmen die Turbinen ihre Arbeit auf und der Hauptrotor begann sich kraftvoll drehen. Kurz darauf war Innenminister Ralf Hunter in die Maschine geklettert und nickte dem Hubschrauberführer zu: »Hoch mit uns, aber blieben Sie außerhalb der Nebelzone!«
»Geht klar, Chef«, antwortete Willi Helmholtz und zog die Maschine hoch.

Willi Helmholtz ließ den Hubschrauber bis auf 500 Meter steigen und hielt ihn in dieser Höhe. Dann reichte er dem neben ihm sitzenden Minister das Sprechfunkgerät. Ralf Hunter nahm das Handmikrofon in die Hand und hielt es vor seinen Mund: »Hier spricht Innenminister Ralf Hunter von Bord des Polizeihubschraubers EMMA 17. Wir befinden uns 500 Meter oberhalb der Stadt Hilden und können sehen, dass sich das Nebelfeld auflöst bzw. zurückzieht. Ich wiederhole: Das Nebelfeld löst sich auf bzw. zieht sich zurück.«
Der Innenminister machte eine kurze Pause, dann griff er erneut zum Mikro:
»An alle Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes und der Polizei ergeht folgende Anweisung: Bitte überprüfen Sie, ob die betroffenen Gebiete wieder betreten werden können. Falls das ohne Gefahr für das eingesetzte Personal möglich ist, dann muss der vorbereitete Plan „Aqua“ sofort anlaufen. Die Rettung der zurückgebliebenen Menschen in den betroffenen Gebieten hat absolute Priorität!«

»Haben wir es hinter uns, Herr Minister?« fragte Willi Helmholtz, nachdem der Minister das Mikrofon des Funkgeräts wieder in die Halterung gesteckt hatte.
»Ich weiß es nicht, Helmholtz. Vielleicht ist nicht nur der Nebel verschwunden; vielleicht ist der ganze Spuk vorbei, denn ich sehe dahinten am Horizont schon die Silhouette meiner Heimatstadt Duisburg auftauchen.«
»Ihre Heimatstadt?« fragte der der Pilot des Polizei-Hubschraubers. »Soll ich näher ran? Der Nebel verzieht sich und es scheint ungefährlich zu sein.«
Ralf Hunter schüttelte den Kopf: »Nein. Fliegen Sie bitte nach Essen zur Zeche Zollverein. Ich werde dort einen Mann treffen, der wohl jetzt gerade dabei ist, die tickende Uhr seines Spielzeugs anzuhalten. Hoffe ich zumindest.«

*


Als der Hubschrauber mit dem Innenminister vor dem Hauptgebäude der früheren Zeche Zollverein landete, war bereits ein Fernsehteam vor Ort.
Hilda Pumpernickel von der Lokalredaktion des Westdeutschen Rundfunks hatte ihr Interview mit Alfred Stahlhans vom Bergamt gerade beendet und richtete ihr Mikrofon jetzt auf Ralf Hunter. »Können Sie bestätigen, Herr Innenminister, dass es Versuche gegeben hat, über unterirdische Gänge - ehemalige Bergaustollen - in das Zentrum des Nebelfeldes einzudringen und dass diese Versuche von hier aus, vom Industriedenkmal „Zeche Zollverein“ aus durchgeführt wurden?«
»Ja, das kann ich bestätigen«, sagte Ralf Hunter, der fast schreien musste, weil der Rotor des Hubschraubers noch auslief.
»Und was haben diese Versuche ergeben? Welche Erkenntnisse hat der Katastrophenschutz aus dieser ungewöhnlichen Aktion ziehen können?« fragte Hilda Pumpernickel.
Ralf Hunter antwortete: »Wir haben viele wichtige Informationen gewonnen, aber es wäre noch zu früh …« Ralf Hunter unterbrach, weil er sah, dass sein Gegenüber sich an den Kopfhörer fasste; offensichtlich erhielt Hilda Pumpernickel gerade eine wichtige Nachricht. Dann nickte die Frau kurz und setzte das Interview fort: »Ich habe gerade erfahren, dass sich das unsägliche Nebelfeld endlich zurückzieht, das in der Vergangenheit vielen Menschen das Leben gekostet hat und das jetzt wieder das Leben Tausender bedroht. Können Sie das bestätigen, Herr Minister?«
»Ja, das kann ich bestätigen, Frau Pumpernickel. Ich meine sogar, wir können jetzt vorsichtig optimistisch sein können. Aber ich will nicht spekulieren, sondern mich zunächst mit den Fachleuten hier vor Ort beraten. Sie verstehen das bestimmt. Danke Frau Pumpernickel.«
»Danke für das Interview, Herr Minister«, sagte Hilda Pumpernickel und dreht sich zu der Aufnahmekamera um. »Meine Damen und Herren. Innenminister Hunter kann bestätigen, dass sich das unsägliche und geheimnisvolle Nebelfeld endlich zurückzieht, das vielen Menschen in den letzten zwei Jahren Gesundheit und Leben gekostet hat und das die Verkehrswege blockiert und den Rhein-Ruhr Flughafen lahm gelegt hat. Ob und wie das alles mit der geheimnisvollen Aktion zusammenhängt, die hier auf der alten Zeche Zollverein ihren Anfang nahm, wissen wir noch nicht. Aber wir bleiben dran! Weitere Bilder hier von Zollverein und Berichte von den angelaufenen Rettungsaktionen sehen Sie in den Abendnachrichten um 21:45 Uhr. Hilda Pumpernickel. Lokalredaktion Essen.«

*


20. August, Kantine der Zeche Zollverein, 16:20 Uhr:

Ralf Hunter betritt die alte Kantine der Zeche Zollverein, in der die Akteure der letzten Tage zusammengefunden haben. Er blickt in müde Augen und kraftlose Gesichtszüge von Menschen, denen die Arbeit und Last der letzten Tage deutlich anzusehen ist. Er geht grüßend durch die Reihen der Leute und schüttelt hier und da Hände. Manche dieser Hände sind noch von der schweren Arbeit unter Tage dreckig, aber das stört den gebürtigen Meidericher nicht sonderlich. Er geht zielbewusst auf den alten Mann zu, der ganz hinten in der Ecke sitzt und ein Glas Pils vor sich hat und eine Portion Pommes Frites in sich hinein schaufelt.

»Hallo, alter Mann …«
»Hallo, Minister …«
»Ich danke ich Dir im Namen von Bundeskanzlerin, Bundesregierung und Landesregierung, Fitti. Du hast Tausenden von Menschen das Leben gerettet.«
»Ach das war nicht so schwer. Ich hatte ja Hilfe. Willst Du auch ein Pils oder musst Du noch fahren?«
»Ich nehm´ auch eines.«

Friedhelm Kohlschreiber gibt der Bedienung ein Zeichen und kurze Zeit später steht ein volles Glas vor dem Minister. Er nimmt es in die Hand und sagt: »Auf Dein Wohl, Fitti.«
»Danke«, murmelt der alte Mann und lächelt zufrieden, als das frische Bier seinen Rachen hinunterläuft. »Tut gut - so nach getaner Arbeit.«
»Du hast Dein Spielzeug entschärft, nehme ich an.«
»Natürlich.«
»Na dann«, grinst der Minister und trinkt ebenfalls. Dann setzt er sein Glas ab und sagt: »Auf dem Hinflug habe ich die Silhouette von Duisburg gesehen. Die Stadt ist dabei, zurückzukommen, Fitti.«
»Schön. Nur schade, dass unser alter Kahn in der Vergangenheit geblieben ist. Hab ihn richtig lieb gewonnen, unseren alten ZENTAUER.«
Der Minister schweigt und fragt stattdessen: »Was hast Du nun vor, Fitti?«
»Am liebsten würde ich mir eine Zeitmaschine bauen, in das 27. Jahrhundert vordringen und diese arroganten Schnösel und ihrer Herrenrasse heftigst in den Arsch treten und ihnen einen gewaltigen Strich durch die Rechnung machen.«
»Und weil das nicht geht …«
» … mache ich was anders. Ich werde was bauen, was es bis jetzt noch nicht gibt: Einen Fusionsreaktor.«
»Einen Fusionsreaktor?« Ralf Hunter schaut ein wenig ungläubig, doch der Dicke Fitti nickt: »Dieser Heilander Huk war ja Nobelpreisträger für Physik und als ich mit ihm bei der Atombombe war, habe ich ihn nach der Funktionsweise der von den Menschen des 27. Jahrhunderts verwendeten Fusionskraftwerke gefragt. Huk hat mir bereitwillig Auskunft gegeben, Ralf. Ist eigentlich ganz einfach. Er hat mir den Trick verraten - so quasi als kleiner Ausgleich für die von ihnen angerichteten Schäden. Vielleicht werde ich mich mit einiger Kollegen zusammen tun und so ein Ding bauen, Ralf.«
»Apropos Bombe. Wie schnell hat dieser Huk eigentlich Deinen Bluff mit der Atombombe durchschaut, Fitti?«
»Welchen Bluff denn, Ralf? Und wieso Bluff …?«

- Ende -



Epilog


Der Dicke Fitti begrüßte seine Frau und nahm sie fest in den Arm. Er lächelte und sagte: Ich habe viel zu erzählen, Uschi, aber ich muss zuerst mal kurz in die Werkstatt. Etwas notieren.«
Ursula Kohlschreiber lächelte. Sie kannte ihren Mann; aus diesem „kurz mal in die Werkstatt“ konnten gut und gerne ein paar Stunden werden.
Die blonde und groß gewachsene Frau setzte sich in ihren Lieblingssessel, goss sich ihr Lieblingsbier ein und schaltete den Fernseher an. Jetzt, wo die Stadt wieder in der Gegenwart angekommen war, gab es auch wieder alle 40 Programme. Auch ihr Lieblingsprogramm war dabei.

Ihr Mann war in den Garten gegangen, wo er sich für die Zeit des Ruhestands eine Werkstatt eingerichtet hatte, in der er - wie er zu sagen pflegte - hin und wieder ein wenig krösen konnte. Heute wollte er allerdings nicht krösen - heute wollte er sich nur das Prinzip des Fusionsreaktors notieren, dessen Funktionsweise er seit seinem Treffen mit Heilander Huk im Kopf hatte.
Aber als Friedhelm Kohlschreiber die Tür zu seiner Werksatt öffnete, kam ihm schon der Nebel entgegen; ein Nebel, der trocken war - nicht wie richtiger Nebel.
Fitti grinste und wunderte sich jetzt nicht mehr über die große Zeichnung eines Fusionsreaktors an der Wand seiner Werkstatt und über den hageren Mann, der auf dem Drehstuhl an der Werkbank saß. Eher schon über beiden jungen Leute, die neben dem Mann standen.
Huk stellte sie vor: »Das ist mein Sohn Harfon und seine indische Freundin Rani. Die beiden sind ein Paar und wollen Kinder, aber man hat sie nicht für das - wie Sie sagen würden - „Zuchtprogramm“ zugelassen.
Deswegen sind wir hier. Wir würden gerne ein paar Jahre in Ihrer Zeit verbringen. Harfon will Metallurgie studieren und vorab die alten Gewerke lernen. Und natürlich auch den genialen Erfinder des Fusionsreaktors kennen lernen, der zudem noch ein sehr guter Ausbilder gewesen sein soll, Friedhelm Kohlschreiber.«

»Fitti reicht, Huk. Völlig …« murmelte der Dicke Fitti und strich gedankenverloren über die grau-grüne Stele, die mitten in seiner Werkstatt stand und leise vor sich hin grummelte …

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